Home
Aktuell
ZurSache
Einwürfe
Kontrovers
Medienpfanne
Maulecke
Augenschein
Galerie
Impressum/Datenschutz


Photo (c) 2004rdsIn der Eingangshalle der Humboldt-Universität Berlin, Karl Marx, 11. These über Feuerbach: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.


DIE FREIHEIT IST EINE BESTIMMUNG DES GEISTES. DER GEIST BESTIMMT SICH ALS FREI, IST ER DAZU NICHT FÄHIG, HILFT IHM KEINE FREIHEIT.

Friedrich Dürrenmatt





F L U G S A N D


"Das Volk ist derjenige Teil des Staates, der nicht weiß, was er will."                                                                                 G.W.F. Hegel

"Demokratie ist kein Dampfer, dessen Kapitän man sich anvertraut, sondern ein Boot, in dem wir alle mitrudern müssen."                                 Fritz Bauer


Die "Piraten" zeigen Präsenz. In den Medien - und anderswo. Knapp eine Woche nach dem grandiosen Einzug der Piraten-Partei mit fast 9 Prozent der Wählerstimmen in das Berliner Landesparlament, gratuliert der aufgrund dieser politisch gewachsenen Bedeutung sichtlich in seinem Selbstbewußtsein gestärkte Bundesvorsitzende der Partei, Sebastian Nerz, persönlich in einem Grußwort der Humanistischen Union zu ihrem 50jährigen Jubiläum.

Die Festveranstaltung am 24. September in der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin war gut besucht, und so wurde im vollen Raum das Bekenntnis des "Piraten", sich dem Geist der Humanistischen Union verpflichtet zu fühlen, sie in ihrem bürgerrechtlichem Engagement als Vorbild zu betrachten und die Piraten-Partei als eine Organisation in einer Art Nachfolgeschaft zu sehen, quasi die Enkel zu sein, als Anersinnen - oder darf man von einer Anmaßung sprechen? - im Publikum mit einem wohlwollenden Gelächter quittiert. Fünfzig Jahre besteht nun die Humanistische Union, seit fünf Jahren die Piraten-Partei, analogisierte der für ein Jahr gewählte Bundesvorsitzende.

Der Erfolg stärkt den Selbstanspruch und führt zur Bestärkung von Versprechungen: mehr Offenheit, mehr Transparenz, ein gänzlich anderer Politikstil soll gepflegt (und durchgehalten?) werden. Das war bei den GRÜNEN vor wenigen Jahrzehnten auch einmal so - oder so ähnlich. Heute urteilt über die "Partei ohne Eigenschaften" Svenna Triebler vernichtend hart: "(...) fest steht, daß die Geschichte der Grünen die des schnellsten moralischen und politischen Ausverkaufs ist den die deutsche Parteienlandschaft je gesehen hat."[1]

Berliner Landesparlament im Preußischen Landtag; Foto: rds2007Dabei ist die Piraten-Partei wie Flugsand durch die Spalten und Ritzen des ehemaligen Preußischen Landtags, dem Sitz des Berliner Landesparlaments, hinein geweht, wie aus einer zwar bekannten, aber weitgehend noch unerforschten Wüste kommend. Erfolge üben auch einen mächtigen Sog aus. Parteieintritte in erfreulicher Anzahl  werden aus den Landesverbänden gemeldet, amüsierend auch von dort, wo demnächst Wahlen anstehen. Wo unter Umständen Ämter, Mandate, Posten oder "Pöstchen" zu besetzen oder zu vergeben sind, lockt deren Reputation auch nicht immer die passenden, -gesinnungsgleichen Leute an.

Die Geschichte der "Piraten" beginnt richtig eigentlich erst jetzt. Und "Flugsand" hat nur einen natürlichen Feind: Windstille. Aber kann politische und auch gesellschaftliche Kompetenz auf Dauer allein aus der Faszination über die eigene spielerisch-exklusive, von Außenstehenden gelegentlich als elitär-abgehoben wahrgenommene, Nutz- und Beherrschbarkeit eines gegenwartstechnischen Artefakts erwachsen und allen vermittelt werden? Zählt da mehr die pure Netzaffinität, das Zelebrieren eines technischen Avantgardewissens? Weniger die Botschaft, dessen Worte, weniger das Programm, dessen Inhalt? Mehr das technische Mittel/ die technischen Mittel der Verbreitung? Aber gerade dieses Knowhow, die Schnelligkeit des Internets und den anderen politischen Konkurrenten darin (noch) um Lichtjahre voraus zu sein, das Gespür für ein daraus gänzlich neu entstandenes Lebensgefühl, machen die Piraten doch auch aus.

Auch Senioren 50plus, 60plus, 70plus usw. nutzen das Internet, sind online. Daraus erwächst aber allgemein keine Lebenseinstellung mehr, wie sie bei den jugendlichen Piraten und ihren Anhängern für das Leben im 21. Jahrhundert fest verankert ist und vermutlich bleiben wird, auch wenn deren Historizität jetzt noch nicht erkennbar ist oder verdrängt wird. Schon wird gelegentlich über die Laptops auf den Tischen der Piraten gespöttelt wie einst über die "Strickorgien" und den Blumentöpfen auf den Tischen der Grünen - nur ehrfürchtiger.

Eine Sparten-Partei sind die Piraten noch. Mit einem eingegrenzten Aktionsradius trotz "Hyperraum-Kommunikation". Bei einem immer mehr und schneller alternden Bevölkerungsanteil, der demnächst womöglich auch die Mehrheit der Wahlberechtigten stellen wird, dürfen die "klassischen" Medien und Kommunikationsmittel nicht vernachlässigt werden. Sonst bleiben die Piraten nur eine jugendliche Protestpartei, die ausschließlich ihre spezielle Lebenslage ins politische Visier nimmt.

Das kann/darf/wird und soll sich ändern. Wie führte Fritz Bauer, der ehemalige Generalstaatsanwalt bei den Frankfurter Auschwitz-Prozessen, aus: "Demokratie ist kein Dampfer, dessen Kapitän man sich anvertraut, sondern ein Boot, in dem wir alle mitrudern müssen." Vielleicht erleben wir, daß gutwillige Piraten das Boot eines schönen Tages entern, ohne es - also die Demokratie - dabei zu versenken, oder es den Mächtigen in der Finanz- und Bankenwelt als Kaperschiff samt Kaperbrief zur Verfügung zu stellen, auf dem dann die weniger Mächtigen als Leibsklaven rudern müssen.

rds   14.10.2011


ANMERKUNGEN:

[1] in: konkret, Heft 10/2010, S. 16




"G O O B Y E  M A R I A  -  W E L C O M E  S C H A R I A !" [1]


Was für eine selige und gnadenbringende Weihnachtszeit in diesem Jahr 2010! Statt auf die Ankunft des Christkinds oder wahlweise auf den Weihnachtsmann und eine fröhliche Bescherung zu hoffen, wartet ein auf Glühwein und Bratapfelduft eingestimmtes Volk auf die konspirative und heimliche Ankunft islamistischer Gotteskrieger mit Sprenggürteln, Bomben und Granaten im Gepäck, die eine "Bescherung" der ganz anderen Art im Sinne haben.

Die umsatzstärkste Zeit des Groß- und Einzelhandels, die Wochen vor Weihnachten, sind ebenso bedroht, wie das sonst über den ganzen Rest des Jahres im Abseits danieder liegende christliche Heilsgefühl.

Bleibt die Bedrohungslage weiterhin im Dezember so angespannt, wird vielleicht noch über ein Verkaufs- und Nutzungsverbot von allen Feuerwerkskörpern, Knallfröschen und Leuchtraketen zum Jahreswechsel 2010/2011 nachgedacht. Sylvester bleibt der Himmel über Berlin und Deutschland im Dunkel.

Die Lage war zwar noch nie so ernst (beschrieben und beschworen worden), bleibt aber spaßig. Denn derweil rüstet ungerührt und ohne Hysterie die "Berliner Gesellschaft" zum alljährlichen publizistisch-medialen "Großtuscheltreff" - dem Bundespresseball. Erstmalig mit dem Bundespräsidenten Christian Wulff, aber wiederum ohne die Kanzlerin Angela Merkel, die Bayreuth vorzieht. Der Veranstaltungsort in Berlin dürfte heute Abend zur am besten bewachten Quadratmeile der Republik zählen.

Auch als ein vergnügliches Klassentreffen zu bezeichnen, ist der Bundespresseball seit je her als einer jener unverfänglichen Vorräume indirekter Einflüsse und Gewalten [2] zur direkten Macht ausgewiesen, innerhalb dessen jeder der zum inneren Kreis der inkorporierten Klasse gehört, seinen Zugang und Einfluß ausprobieren, einschätzen und geltend machen kann. Möge niemand beim Tanz in den Morgen von ihnen zu Schaden kommen.

rds 26.11.2010


ANMERKUNGEN:

[1] Der Kabarettist Jürgen Becker in der WDR-Sendung "Mitternachtsspitzen" vom 10.10.2010

So lange die Phalanx der Kabarettisten als das Nebelhorn der kritischen Masse der Bürger über die Politiker und ihrer Gefolgschaft entre nous witzeln und verdammend herziehen kann, habe diese nichts zu befürchten. Erst wenn alle Kabarettisten und Satiriker verstummen sollten, würde dies die bedrohliche Ruhe vor dem umwälzenden Sturm bedeuten.

[2] Carl Schmitt, Gespräch über die Macht und der Zugang zum Machthaber, Neuausgabe Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2008


*****


Nichts zu lachen!


Gestern nicht, heute nicht und im neuen Jahr 2010 in pessimistischer Vorschau schon mal wieder auch rein gar nicht. Obwohl: Das politische Kabarett befindet sich im Aufwind. Seine gesellschaftliche Ventilfunktion wird aber immer mehr überbeansprucht und droht zu verschleißen.

Wer lacht da noch? Wer kann überhaupt noch lachen? Befreit lachen. Alle diejenigen, die sich im kapitalistisch gesponserten, staatspaternalistischen Laufstall noch halbwegs sicher wissen und wähnen, und sich daher wie ungezogene Kinder straffrei austoben dürfen? Lachen und Schenkelklopfen bleiben regelmäßig mit gutem Grund folgenlos. Unmut veräußert und erschöpft sich nur gelegentlich im Verbalen. Beim notwendigen und erfühlten Gang auf die Straße, versagt die Protestbereitschaft und der Kleinmut obsiegt.

Kann die Politik, können ihre Akteure und Profiteure, von der Edel-Garde der Kabarettisten auf den Bühnen und in den Fernsehsendungen(!) noch derber und sarkastischer, pointierter, mitunter verletzender, noch böser, bitterer und entlarvender entzaubert und karikiert werden? Den "Stachelschweinen" alle Ehre machen? Wie sehr schmerzt Wahrheit?

Recht geschieht ihnen doch! Was wir haben ist keine Regierung, sondern die traurigste Karnevalvereinsgründung seit Bestehen der Bundesrepublik. Kopflos, führungslos und hohl, und ohne Esprit, mit einer von Spott und Hohn übergossenen Kanzlerin aus Dingsda, die beständig zwischen politischen Clownerien und/oder Scharlatanerien hin- und her wankt. Und dazu noch dieses Ausnützen von "Kinderarbeit"!

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Doch! - Sie trägt nur immer eine andere Uniform. Zur Zeit wandet sie sich ungefällig und verstört in den Kostümen der Kanzlerin. Abgesessen und ungebügelt, formlos hockt sie ratlos da und weiß nicht, wie ihr und was mit ihr in dieser Zwangsjacke geschieht. Längst vergangen sind die Zeiten, da sie mantelumwehend durch die Republik rauschte und diese grundlegend veränderte.

Aber die Geschichte ist unverwüstlich und bewahrt ihre Unberechenbarkeit. Menschen hingegen sind und bleiben verletzlich und abhängig, und sie bemerken doch, daß es im politischen Wettbewerb nicht mehr um den bestmöglichen Ausgleich der Interessen geht, sondern eine Schacherei abstoßenden Ausmaßes mit lähmender Wirkung herrscht.

Eine Kanzlerin für das ganze Volk will Angela Merkel sein; das bleibt wohl nur ihr eigener frommer Wunsch.

rds 23.12.2009

*****                                                                                                                        *****



SARRAZIN und kein Ende


Selbstredend tragen zu dieser ausartenden Bandwurmdiskussion und überschwappenden Empörungswelle diese Zeilen auch noch bei. Es geht um die als 'Abfälligkeiten über ethnische Minderheiten in Berlin' klassifizierten Äußerungen des stadtbekannten Herrn Sarrazin. Die standen nicht im "Eulenspiegel" oder in einer Ausgabe von "Titanic", oder in den "Ketzerbriefen", sondern waren in der deutschen Ausgabe der seriösen Europäischen Kulturzeitung "Lettre International", deren Redaktion in Berlin-Kreuzberg residiert, zu lesen.

Die Meinung soll heraus: In Deutschland möchte anscheinden ein sehr großer Anteil der Bevölkerung -mit oder ohne Migrationshintergrund- lieber weiter in seinem Wolkenkuckucksheim sich ungestört der Illusion von einem relativ friedlichen, harmonischen und multikulturellen Gemeinwesen hingeben und dauerhaft einrichten, das überwiegend von "guten" und integrationswilligen, aber leider oft mißverstandenen Ausländern und "bösen", revanchistischen und faschistoiden, von braunen Schatten verdüsterten Deutschen bevölkert wird, anstatt sich mit einer, auf unsere so hoch gehaltenen Meinungsfreiheit fußenden, Beschreibung von Tatsachen auseinander zu setzen, auch wenn diese überpointiert und unsensibel sein mag.

Das in diesem Land schon lange die Maßstäbe "verrückt"  - im doppelten Wortsinn: von der Stelle gerückt und abnorm bis neurotisch geworden sind - beweist einmal mehr eine auftrumpfende söldnerische Phalanx in sämtlichen medialen Vermittlungsmaschinen, die bis zur Weißglut heiß laufen. Da hat jemand mit scheinbar ausgewiesenem fiesen Charakter, "ein ganz verbaler Haudegen mit Schmiss in der Tonlage" (Joachim Petrick, Blogger), einen unausgesprochenen, aber wirkungsmächtigen Burgfrieden in Frage gestellt. Und dazu noch dem durch "Political Correctness" angeleiteten "betreuten Denken" (Hermann L. Gremliza) eine lange Nase gemacht.

Berlin-Kreuzberg; viele Einwohner haben einen Migrationshintergrund; Foto:rds2004Das kann nur durch ein Parteiausschlußverfahren - der arme Mann ist immerhin noch Mitglied der pannenreichen SPD (!) - und dem Rücktritt aus dem Vorstand der Deutschen Bundesbank vergolten werden. Als höchstes trifft ihn die Mißbilligung durch den Zentralrat der Juden in Deutschland, und ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung steht auch noch an. Gott, oder wem auch immer, sei es gedankt, noch hat niemand die Redaktion von Lettre International als Übermittler des Unerhörten mit Stinkbomben oder schlimmeren bedacht. Dieses Magazin ist nach eigenem Verständnis "eine unabhängige, internationale Publikation und versteht sich als interdisziplinäres intellektuelles Forum. Lettre sieht sich keiner politischen Programmatik verpflichtet." 

"Rotes Berlin" Szenenkneipe in Karlovy Vary (Karlsbad), Tschechische Republik; Foto: rds2008Diese politische Programmatik wurde schon vor und wird seit Jahrzehnten in einem ideologisch verhärteten Linksmilieu verengt auf eine idealisierte "Unbeflecktheit" von zugewanderten Mitbürgern - heute redet man von Menschen mit Migrationshintergrund - und das auf 'die deutsche Schreckenseinheit Nationalsozialismus' eingeschränkte Bild von den, auch gänzlich unbetroffenen, aber in Kollektivhaft genommenen, zeitgenössischen Deutschen. Beides ist falsch, wirkt aber weiterhin fort und ist die Hintergrundfolie für ein beidseitig gepflegtes Mißverständnis und Mißverhältnis.


11.10.2009rds

*****                                                                                                                        *****



SATT. SAUBER. SCHMERZFREI. Still?


Sind das die letzten Utopien einer alternden Gesellschaft? Gar unerfüllbare Bettelutopien?

Und wer schützt zukünftig Oma vor Bin Laden und seinen Nachfolgern fern am Hindukusch und hier hinter den von Terror bedrohten heimatlichen Rückzugslinien?

Man - dieses leicht vorschiebbare, undefinierte, zeit-ort-und geschlechtslose, androgyne man - dieses verschämte Ich, man möchte hier und heute nicht mehr unbedingt jung, ganz jung, zu jung sein. Es droht die zur barmherzigen Pflicht stilisierte Einberufung an die kollektive Pflegefront, bevor das eigene Leben überhaupt ausgerichtet und abgesichert und mit Inhalt gefüllt werden kann. Und wer redet da noch von Wehrtauglichkeit?

Das Thema Alter, in seiner spezifischen bundesdeutschen Ausprägung, allen wird es um die Ohren gehauen, zeitgemäß geht gerade die ARD mit geballter Stärke voran. Das Fassungsvermögen von 3,8 -nein- jetzt sogar schon von 4,4 Liter Windeln für bettlägerige Pflegebedürftige empört. Pflegeheime, die ihren Namen nicht vedienen, rauf und runter in der Republik, in denen eine unmenschliche Behandlung gang und gäbe ist, stehen den Edelstiften, die von einer gediegenen Klientel a' la Ex-Justizminister Hans-Jochen Vogel und Gattin beizeiten frequentiert werden, gegenüber.

Jung sein, jetzt? Gern, als getätscheltes Erbsöhnchen, aber nicht als Zwangsverpflichteter einer Zukunft, die bereits in der Gegenwart verpfändet wird und eben deshalb nicht werden wird und nicht sein kann, was der Begriff in seiner ganzen positiven Ausprägung verdeutlichen soll. ZUKUNFT; an ihr heftet bereits der Trauerflor und der weht über das nur oberflächlich geruhsame, gesamtdeutsche Pensionopolis zwischen Oder und Rhein. Und diese Zukunft wird womöglich viel Bitternis enthalten, für viele derzeit Junge und für viele schon morgen Alte. "Rentnerdemokratie" oder eher Rentner-Gulag?

Die Männer der Kriegergeneration haben dieses Land einst mit in den Abgrund gerissen. Hitler, Himmler, Heydrich, Goebbels und Göring waren es nicht allein gewesen. Die Frauen und Töchter haben es aus und von den Trümmern befreit und wieder mit aufgebaut. Der "Vernichtung durch Arbeit" folgte das Vergessen durch Arbeit. Von den vielen "Trümmerfrauen" von einst, hat sich die Zeit zu den zahlenmäßig wenigen "Power-Frauen" heute gewendet. Und viele Angehörige dieser so genannten Aufbaugeneration sind heute nicht mehr am Leben. Es echauffieren sich die verkehrten, die aus dieser Leistung einen besonderen moralischen Anspruch und ihr Sonderbewußtsein herleiten. Sie haben als Knirpse und Spuckebatzen womöglich zwischen Ruinen Kippen, Eisen und Buntmetalle, und was sonst noch verwertbar war, gesammelt und Muttern bei Hamsterfahrten den Rucksack getragen. Kein Grund für eine aufgesetzte Honettität und das Verströmen einer miefigen Nestwärme aus  schweren, aber erinnerungsvergoldeten Gründer-und Aufbaujahren und es den Jungen als besondere "Lebensleistung" unter die Nase zu halten. Diese mokieren zu Recht: Wer hinten mit dem Arsch einreißt, muß auch vorn mit den Händen aufbauen. 

Dabei leben wir unterschiedslos in 'hab acht Stellung', in einem Zeitalter des umfassenden ökonomischen Kalküls: "Was, Sie leben noch! Lassen Sie sich noch heute für zehn Dollar von mir bestatten, morgen gilt der Preis nicht mehr!" Der Mensch ist ganz in diesem Focus gebannt. Auch in seinem Altern, in seinem Leiden und in seinem Sterben. Die Lebensrisikoindividualisierung, als Freiheit zur Selbstsorge beworben, ist der gern angewiesene Ausweg aus dem Versagen der Institutionen durch ihr Mißmanagement. Und über Freiheit werden im Land auch gern kluge Reden gehalten, vor voll besetzten Rängen von ebenfalls sehr klugen Leuten. Die ist ebenso unversicherbar, wie die ihr zugrunde liegende Demokratie und das Leben überhaupt. Allenfalls auf den Tod kann man bei hundertprozentiger Sicherheit wetten. Nur die Spiel- und Bewegungsräume zwischen Freiheit, die mich meint, und Sicherheit sind für jeden anders bemessen.

Das Bestatterwesen hat Zukunft, die Regenerationsindustrie in all ihren Verzweigungen hat Konjunktur und großen Zulauf, die Säuglingsstationen machen reihenweise dicht. Millionen sind seit Jahren erfolgreich als Konsumenten und Verbraucher geprägt und geeicht: Indem ich lebe, verbrauche ich mich selbst, zu meinem eigenen Nutzen, als mein erstes und einziges Eigentum. Daraus folgt: "Ich will Alles sein und Alles haben, was ich sein und haben kann. Ob andere Ähnliches sind und haben, was kümmerts Mich?"

Johann Caspar Schmidt -alias Max Stirner- fieberte förmlich im 19. Jahrhundert in einem solipsistischen Rausch (Der Einzige und sein Eigentum) die wohl am passendsten, weil ehrlichste und gründlichste Utopie für unser Zeitalter: "Tod ist das Volk. - Wohlauf ich!"

rds

*****




Wer?

"Undines Traum", Edelstahlskulptur von Hans-Jürgen Zimmermann, Hannover 1996; Steinhunde; Foto: 2004rdsDie letzten Glücklichen einer unabwendbar ausklingenden bundesdeutschen Sozialstaatsepoche. Sind sie der Restbestand einer wohlfahrts-sozialpolitischen Dünnsäure, die noch verklappt werden muß im dramatisch austrockenden Generationenmeer? Die mit ihren während der prosperierenden Zeit von stetigen Reallohnzuwächsen und annähernder Vollbeschäftigung - und "Vollbeschäftigung war höchster Daseinszweck" - erworbenen und nun eingeforderten Alimentierungsansprüchen ausgehalten und als Dauerkostgänger vermutlich über Jahrzehnte hinweg getragen werden wollen, von denen, denen gerade alle "Anspruchsunverschämtheiten" (Botho Strauß) gegenüber dem Staat ausgetrieben werden, und die in ihrem vergleichsweise jungen Leben eine kollektive Erfahrung gemacht haben, bzw. dabei sind, schmerzhaft zu erleben und das "ist die Arbeitslosigkeit, insbesondere die schlechten Aussichten auf Jobs für die Schulabgänger, die in einen Markt eintreten, dem höhere Gewinne durch das Senken von Arbeitskosten und das Ausschlachten von Firmen wichtiger sind als die Schaffung neuer Arbeitsplätze und der Aufbau neuer Vermögenswerte." [1] Die letzte verwöhnte, durch einen langen inneren und äußeren Frieden befriedete und letzte saturierte "Goldene Generation" trifft auf die zirkulierende, zukunftsunsichere und verwirrte "Generation Praktikum".

Ihnen wird hinter dem schönen Schleier von Flexibilität, Initiative und Eigenverantwortung unverblümt die Auffassung vermittelt, daß das Unbrauchbarwerden eines Menschen aus Mangel an Arbeitsfähigkeit und/oder Arbeitsgelegenheit auf seine eigenen Kosten zu gehen hat. So werden sie, die Inkompatiblen und Ausfälligen unter ihnen, heimlich als Abfall des wirtschaftlichen Fortschritts deklariert. Heimlich, damit die bereits bestehende "Akkumulation der >Überflüssigen< in den großen Städten (nicht) den kritischen Punkt der Selbstentzündung erreicht." [2] In Frankreich ist es bereits dazu gekommen.

Wer?

Die 1968er?

Mit ihren abgestandenen, vielfach obskuren und selbstbeweihräucherten Ideen, Ideologien, Idealen und zu Kultfiguren stilisierten Idolen, samt der gepflegten Idiosynkrasien, die automatisch in den Zustand eines permanenten Gutmenschentums erhoben und vermeintlich unangreifbar machten? Die durch die Zeit ausgefaulten, zu reinen Oberflächenautoritäten degenerierten Platzhalter einer entarteten deutschen Epoche wurden durch sie bravourös vom Sockel gestoßen und mit diesem kämpferischen Akt des Aufbegehrens gleich die verblendete Gefolgshörigkeit einer ganzen Generation dazu. Im System der neu aufzurichtenden freien Gesellschaft war Kritik immanent vorgesehen. Später, viel später, im Amt, nach erreichen des Mandates, auf guten Posten oder auch nur "Pöstchen" bei ausreichendem Salär, Besoldung, Honorar oder dauerhaft fließenden Tantiemen, wurden ganz unhonorig und ungenerös Respekt, Ehrerbietung und Anerkennung von den darin doch so ganz Uneingeübten und großen Verweigerern wie selbstverständlich eingefordert. Wer sich mit dem richtigen Bewußtsein unfehlbar glaubte und dem "Dachfirst der Eliten" (Ralf Dahrendorf) aus eigener Bestimmung zugehörig, bei dem blieb Kritik ein Einbahnstraßenphänomen.

Als respektable, wohlbestallte Pensionäre wiederholen und idealisieren sie mantrahaft die Formeln ihrer persönlichen, bekifften Glückserfahrung und reanimieren gelegentlich ihre einstige Protestdarstellerschaft. Zahlenmäßig wohl kaum "das versprengte Achtel" der Generationenkohorte, gehören sie dank der noch funktionierenden monetären Zirkulation zu den letzten unaufhörlich Aktiven im Passivstadium eines länger und länger währenden Lebens. Der Kult der Jugendlichkeit -eigentlich ein nationalsozialistischer (faschistischer) Restbestand der "Volksgemeinschaft"- wird ungeachtet dessen bis weit in die letzten Lebensjahrzehnte hineingetragen. Gäbe es den Volkswanderlauf von Timbuktu nach Ouagadougou schon oder demnächst das Oktoberfest in Mekka mit den Festzelten vis-a-vis der Kaaba ..., sie wären dabei.[3] Mit dem ersten Billigflieger. 

Aus einem Leben jenseits der bestimmenden Arbeit und Erwerbstätigkeit, unter Umständen mit Ausschließlichkeitsanspruch, wird Leben zur Arbeit an seinem Sinn;   Le b e n  i s t  d i e  A r b e i t  a n  s e i n e m  S i n n. Dieser Arbeit kann als aktiver, agiler und attraktiver, um-und beworbener "Best-Ager" jederzeits elegant ausgewichen werden, nämlich als Konsument, "Konsumenten sind die wichtigsten Aktivposten der Konsumgesellschaft; schlechte Konsumenten sind ihre lästigsten und kostspieligsten Passiva."[4]

Viele, ganz viele der "Generation Praktikum" werden zeitweise oder dauerhaft, notgedrungen schlechte Konsumenten sein und bleiben, und sie werden dabei die Angst im Höhenschwindel einer merkwürdigen Freiheit verspüren. Die Freiheit von der "Arbeit", dem Erwerb, der Karriere und damit die Freiheit von einer über Generationen hinweg vermittelten und Bestand gebenden Sinnhaftigkeit des Daseins. Wie brüchig und künstlich erzeugt diese Sinngebung allein aus und auf Arbeit und damit auf den Beruf bezogen seit jeher war, zeigt sich besonders jetzt, in einer Zeit massiver Strukturumbrüche.[5] Und es zeigt sich die Unfähigkeit, die paradigmatische Bezogenheit von Arbeit und Leben, Sinnerfüllung und Glück, Ansehen und Verachtung zueinander aufzulösen und sich dem rasanten Tempo der Umbrüche neu anzupassen.

Zwei Generationen stehen sich so mit einem völlig ungleichgewichtigen Lern-und Erfahrungsschatz gegenüber. Die eine hat ihre Sinngebung noch weitgehend aus der Arbeit und dem daraus entstandenen immateriellen Ansehen und dem materiellen Erlös geschöpft und blieb dabei in gegenseitig verstärkender Übereinstimmung der Ansicht von der naturhaften Dualität von Arbeit und Sinn zeitlebens treu. Der Verlust der Arbeit, das Gefühl "nicht mehr gebraucht zu werden", ob freiwillig und vorbereitet oder abrupt und widerstrebend, kann daher das erste krisenhaft zugespitzte Erlebnis in einem späten Lebensabschnitt bedeuten, während dies bei der anderen Generation umgekehrt die Exklusion aus der immer noch gültigen, weil Sinn gebenden Arbeitswelt mit ihren möglichen und für lebensnotwendig erachteten persönlichen Erfahrungen in einem frühen, noch nach Orientierung suchenden Lebensalter festschreibt. Es bedeutet eben selten oder "überhaupt nie gebraucht zu werden" und untergräbt "damit die immer noch wesentlich durch Arbeit vermittelte menschliche Würde." [6]

Die auf Arbeits(platz)teilung bislang ausgerichtete und dadurch konsensfähige Gesellschaft spezifiziert und verdichtet sich. In diesem Prozeß entstehen "Überflüssige", "deklassierte Individuen, die keinen definierten sozialen Status besitzen, vom Standpunkt der materiellen und intellektuellen Produktion für überflüssig erachtet werden und sich auch selbst so empfinden." [7] Sie werden zu "Bedarfsgemeinschaften". Das auf diese Art und Weise "vergemeinschaftete" Individuum verliert seine eigene Identität und wird nur noch als teilanspruchsberechtigte Zähleinheit hinter dem Komma in einer anonymen Verwaltung wahrgenommen.

Der Ausschluß beginnt mit den Wörtern.[8] Die sprachliche Ghettoisierung geht einher mit der räumlichen Segregation; der bezeichnete Raum wird zum- und wirkt als Stigmata. Wer das Schicksal des Anderen nicht als die Generalprobe für das eigene erlebt und empfindet, mag noch zu den unberührten Glücklichen zählen. Und zu denen, denen das Leben einen bis jetzt mehr als sechs Jahrzehnte lang andauernden inneren Friedenszustand bescherte. Das muß nicht so bleiben. "Die bloße Abwesenheit militärischer Konfrontation definiert nicht den Friedenszustand einer Gesellschaft." [9]

rds

ANMERKUNGEN:

[1] Zygmunt Bauman, Verworfenes Leben, Die Ausgegrenzten der Moderne, Bonn 2005, S. 18

[2] Z. Bauman, 2005, S. 54

[3] Ouagadougou - Hauptstadt von Burkina Faso (ehemals Obervolta); Timbuktu - Oasenstadt in Mali (Weltkulturerbe)

[4] Z. Bauman, 2005, S. 58

[5] "Das Arbeit ausschließlich unter dem Gesichtspunkt Erwerbsarbeit gesehen wird, gründet sich nicht auf die Natur des Menschen, sondern ist Produkt einer geschichtlichen Entwicklung ..." Oskar Negt, Arbeit und menschliche Würde, Göttingen 2001, S. 461

[6] Oskar Negt, 2001, S. 24

[7] Stefan Czarnowski, Zitat nach Z. Bauman, 2005, S. 60

[8] "Worte können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da." Victor Klemperer

[9] Oskar Negt, 2001, S. 14

*****





MEIN GEHIRN BRAUCHT FUTTER


Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt. Humberto Maturana, Biologie der Realität

...the brain is merely a meat machine. Das Gehirn ist bloß eine Fleischmaschine. Marvin Minski


Dieser Tage fiel eine ganzseitige Werbeanzeige in einer bekannten deutschen Illustrierten auf. Mein Gehirn ist ein Raubtier, es braucht Futter. Die schwarzhaarige, junge Frau blickte den Betrachter dabei eher sanft an. Wenig deutete auf ein beutejagendes Raubtier hin.


Der cartesische Dualismus zwischen Geist und Körper ist inzwischen längst einer weitgehend verallgemeinerten, reduktionistischen-materialistischen Auffassung gewichen. Der Geist und mit ihm gleich auch die ganze Seele haben sich materialisiert und als erkenn/- beschreib- und handhabbare Substanzen ins Gehirn zurückgezogen. Die hohe Wertigkeit des Geistes, neben einer trotz zeitgemäßem Bodykult oft abgrundtiefen Verachtung allem körperlichen gegenüber, findet ihren Ausdruck in der großen Aufmerksamkeit, die die Hirnforschung seit einigen Jahren weltweit für sich verbuchen kann. Der Geist ist das Gehirn. Das Gehirn ist der Geist, über die materiale Basis hinaus. So mancher Protagonist erhofft sich aus der umfassenden Erforschung mehr als nur Thesen zur Letztbegründung einer Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch?

Das Gehirn als Königsmacher. Das Gehirn ist unser Weltgestalter. An seinem Thron ist unser ganzes Denken, Fühlen und überhaupt unser ganzes Bewußtsein lokalisiert. Es bewertet, entscheidet und ohne Hirn sind wir -zugegebenermaßen- nichts. Nichts als eine auf letzter Stufe handlungs- und erkenntnisunfähige Menge von Elementarteilchen. Hirnforschung hat Konjunktur. Selbstredend also auch in der Werbung. Aber so richtig angekommen in der Einheit, in der Identität von Körper und Geist ist man noch nicht. Als reduktionistischer und monistischer Materialist habe ich gelernt, Geist, Seele und Bewußtsein als neuronale, elektro-chemische Prozesse im Gehirn zu verorten. Das Ich und das Selbst -oder angloamerikanisch erweitert I, Me and Self- gibt es alles nicht, sind samt und sonders im wahrsten Sinne des Wortes Hirngespinste von Psychologen und Sozialwissenschaftlern, moderater ausgedrückt: Konstruktionsleistungen des Gehirns. Alles ist Eines, alles ist Materie. Dem Gedanken an die Oma liegt ein verortbarer physio-physikalischer Prozeß zugrunde. Der physio-physikalische Prozeß ist die Oma. Die Quantität einer Oma können alle gesunden Gehirne vollziehen, die Qualität dieser besonderen, meiner Oma nur ...Ich, das eine Konstruktionsleistung nur meines Gehirnes ist. Die junge Frau macht ja eine bemerkenswerte Feststellung: Mein Gehirn ... braucht Futter. Wer oder was generiert die Eigentumszuschreibung mein Gehirn? Ist dies eine Selbstzuschreibung des Gehirns und was gäbe dazu den Anstoß? Oder gibt es einen unabhängigen Beobachter der Tätigkeiten des Gehirnes der jungen Frau? Einen Besitzanspruch kann es aber nur zwischen einem Subjekt geben, das den Besitzanspruch mein auf ein getrennt von ihm existierendes Objekt erhebt? Woher hat sie das Wissen um den inneren Zustand des Gehirns, ihres Gehirnes? Mein Gehirn braucht Futter! Gibt sich das Gehirn selbst eine innere Zustandsbeschreibung über den Umweg einer Konstruktionsleistung des getrennten Ich der jungen Frau und seiner Bewußtwerdung, um den notwendigen, erwünschten Fütterungsprozeß einzuleiten? Oder ist doch ein autonom wissendes, Besitzanspruch anmeldendes, unabhängig erkennendes Ich am Werke? Das Gehirn vollbringt die Konstruktionsleistung Ich und vollzieht in unmessbarer Gleichzeitigkeit die Zuschreibung, es wären alle Handlungen und alle Erkenntnisse die Erkenntnisse eines autonomen Ich. Ein ziemlicher Trickser das Gehirn. Und wir? Das ist die Menschheit als Eigentümergemeinschaft von Gehirnträgern.


Die neue Qualität ist die von Gehirn und übrigem Körper; Restkörper. Da alle Qualitäten des Geistes nunmehr dem Gehirn zugeschrieben werden, erklärt sich die herausragende Stellung unter den menschlichen Organen und die Vernachlässigung, im schlimmsten Fall die schleichende Verachtung für den Restkörper. Sex findet bekanntlichermaßen im Kopf -sprich Gehirn- statt. Der Penis, analog dazu die Vagina, sind nur ausführende Organe. Hirne penetrieren nicht. Jedenfalls nicht wirklich. Mein Herz, mein Herz, mein armes Herz ... hat abgedankt. Mein Gehirn ist en vogue. 

Die Hierarchisierung des Körpers orientiert sich an der Wertigkeit und Wirkung des vormals unstofflichen Geistes. Verstorbenen, zu Todegekommenen oder zu Todegebrachten, Terroristen oder Massenmördern, Genies oder genial Unbedarften entnimmt man daher schon mal interessenhalber das Gehirn als Trägersubstanz alles dessen, was eine Person ist, was einen Menschen ganz ausmacht, sozusagen die ultimative Festplatte. In Formalin, mitunter jahrzehntelang aufbewahrt, in hauchdünnen, vielweniger als metzgerdünn geschnittenen Scheiben, mit "gesunden" Gehirnen verglichen, wähnt man das Massenmörder- oder Terroristengehirn zu extraplorieren und zu differenzieren, Erklärungsmuster für vor Jahren und Jahrzehnte zurückliegende Handlungen und Wertungen zu finden. Jede Entartetheit findet ihre passende Hirnbeschreibung. Oder ist es umgekehrt? Jede Hirnbeschreibung ist eine Personencharakterbeschreibung eins zu eins -zukünftig? 

Die Hirne sogenannter Genies oder die von Amokläufern, von Schwerstkriminellen oder Massenmördern sind die Gehirne von ausgewählten, vorklassifizierten Einzelnen, auch wenn die gesammelten und aufbewahrten Gehirne weltweit inzwischen eine stattliche Anzahl erreicht haben mögen. Hat jemand schon mal die Hirne institutionalisierter Menschengruppen, wie zum Beispiel die von Soldatenkompanien oder die ganzer Armeen, Eliteeinheiten, auf Zerstörung und Tötung, zu institutionalisiertem, rechtlich abgesicherten Massenmord geschulten und gedrillten Soldaten untersucht? Oder hat jemand den reihenweisen Blödsinn, der in vielen deutschen Amtsstuben zustande kommt, auf pathologische Veränderungen in den Gehirnen der Beamten empirisch aussagekräftig erforscht?

Die zeitnahen, unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten getroffenen wissenschaftlichen Fragestellungen disponieren die Vorauswahl und somit auch das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung entscheidend mit. Die objektive Fragestellung ist unter einer subjektiven Präferenz zustande gekommen. Der aus persönlichen Motiv- und Beweggründen erfolgenden, absichtsvollen, gezielten Tötung oder Massentötung durch Einzeltäter oder Tätergruppen -wie zum Beispiel die einer teroristischen Vereinigung (s. Baader-Meinhof)- wird neuerdings ein pathologischer Hintergrund unterstellt und fachwissenschaftlich beurkundet. Den im Kriegsdienst -nein, im Verteidigungsfall, notfalls auch am Hindukusch, wie Peter Struck befindet, im soldatischen Dienst friedenssichernder Maßnahmen meint die political correctness-, sich als vorbildlich auszeichnenden, tapferen Soldaten wird (und wurde) beim Versenken feindlicher Schiffe, dem Abschuß gegnerischer Flugzeuge, im Niedermähen des Gegners, schlechthin im Töten, kein pathologisch krankes Hirn von vornherein unterstellt. Wer seine Arbeit tut, Gehorsam übt und seine Pflicht erfüllt, wird mit einer saubergeputzen Festplatte belohnt. Da agieren keine schädlichen Viren mehr. Staatsverfassungen, Recht und Gesetz mimen als Virenscanner. Alles, was den Zielen des Staates, der Wirtschaft, den Unternehmen und Unternehmungen, den Institutionen, den Parteien, alles, was der Macht nützt, ist legalisiert. Politische Vorgaben, hinter denen ökonomisches Interesse und Kalkül mit entsprechendem lobbyistischem Druck stehen, düngen das gesellschaftliche Feld auf dem die Wissenschaft säht und aus dem es ihre Ernte einbringt. Nur mühsam läßt sich das Feld der Gesellschaft beackern, gerade auch dann, wenn wir uns nicht nur als lose Eigentümergemeinschaft von Gehirnträgern verstehen.



Hegel befand einst: Das Ganze ist das Wahre. Worauf Adorno viel später konterte: Das Ganze ist das Unwahre. Das Ganze Wahre und das Ganze Unwahre sind nur Hirnfunktionen- amüsieren sich die Neurowissenschaftler heute. Mit der Magnetresonanzbildgebung (Neuroimaging) verleihen sie dem Geist ein bildhaftes Antlitz und befördern seine Selbstmaterialisierung zu einem (vorläufigen) Abschluß. Die junge Frau aus der Werbung hat ihr Gehirn mit einem Raubtier verglichen. Treffender wäre ein Symbol: das Uroborus, die sich selbst in den Schwanz beißende, zu einem geschlossenen Kreis, zu einem großen O sich formende Schlange. Aber was verstehe ich , nein, was versteht mein Gehirn schon von der Werbung, wo es sich doch selbst, mir, meinem Ich, seinem Konstrukt, beständig etwas vor macht.

Das Marionettenregime unter der Schädeldecke veranlaßt zu sprechen, zu handeln und gut zu gestikulieren, aber ist an diesem Gängelband in einer jedweden mechanischen, vermenschlichten Figur auf der Weltbühne Leben anzutreffen? 

rds

*****


International Neuroscience Institute Hannover; Foto:2006rds


International Neuroscience Institut Hannover; Foto:2006rds


International Neuroscience Institut Hannover; Foto: 2006rds


International Neuroscience Institute Hannover; Foto: 2006rdsInternational Neuroscience Institute Hannover Photos(4) ©seemke.rd2006


*****


TIEFGEKÜHLT


Der soziale Tiefkühlzustand der Republik erweist sich als das Abstraktum eines Gewaltzustandes. Dauerhaftigkeit droht.

Politik, Demokratie und Bürger scheinen geknebelt und in Beugehaft dreister Manager und Konzernherren geraten zu sein. Erfüllt ihr nicht unsere Wünsche, lasst uns nicht schalten und walten nach eigenem Gusto, verlagern wir weiterhin Arbeitsplätze ins Ausland. Nicht wir sind schuld daran, dass keine neuen Arbeitsplätze entstehen, sondern euer Festhalten am längst überholten "Sozialklimbim" nötigt uns.

NORD/LB Hannover, 2004rdsEin nicht zu übersehender, stetig anwachsender Haufen christlich-demokratischer, christlich-sozialer, sozialdemokratischer, "liberaler" oder Grünbündnis bewegter Parteifarbenträger bekennt sich immer offnener und ungenierter, für einen Logenplatz in der Aufmerksamkeit, volksveralbernd bis verachtend als willfährige Büttel und Gefriermeister zu dieser verkrämerten Elite der Erbärmlichkeit zugehörig. Der angemahnte Ruck (Herzog) rückt seither mehr Menschen an den Rand eines Abgrundes. Die Wärmestuben der Universitäten (Glotz) müssen evakuiert, der überzählige, unqualifizierte menschliche Ballast ausquartiert und die Hochschulen zu Hochleistungselitezentren gepuscht werden, schließlich ist das ganze Leben ja auch nichts anderes als eine Hochleistunssportart. No smoking but doping and the winner takes it all. Und dann hat "eine Bevölkerung, die entweder psychisch oder physisch nicht mehr in der Lage ist, ihre Ernte einzubringen oder ihre Straßen sauber zu halten, ernste Probleme mit sich selbst ..." (Miegel). Herr Miegel sollte nicht nur uns ernsthaftes Nachdenken darüber und über die deformierte Gesellschaft anraten, sondern in einem Selbsterfahrungsprojekt als leuchtendes Beispiel sich willig als Straßenkehrer und unermüdlicher Erntehelfer, emsiger Spargelstecher und Erdbeerpflücker unentgeltlich zur Verfügung stellen.

Aber man kennt das: Je höher der formale Bildungsabschluß und die mit daraus resultierende berufliche Position, Kontakte, Verbindungen und das erzielte, nicht tatsächlich verdiente Einkommen sind, desto gewitzter, nachdrücklicher, selbstverständlicher und notfalls unter zu Hilfenahme von Rechtsmitteln, Anwälten und der Infiltrierung der öffentlichen und veröffentlichten Meinung drückt diese Klientel ihre "Ansprüche" auf Entlastung von allen gemeinwohlorientierten Aufgaben und Arbeiten und (Selbst-)Verpflichtungen durch. Spielfiguren auf dem Spielfeld fremdbestimmten Sinnzusammenhanges haben andere zu sein. Man gibt sich jedoch gern generös mit Ratschlägen aus der privaten Kuschelecke.

Dabei wird geflissentlich übersehen und leichtfertig unterschlagen, dass es für Friedfertigkeit keine gesellschaftliche Dauergarantie gibt. Auch sie ist im Inventar eines allgemein beklagten Werteverfalls enthalten und verknüpft mit einem nicht unterschreitbaren Minimum sozialer Sicherheit.

Nur keine Gewalt! Aber wir leben längst unter einem diffizil geknüpften Netz von Gewaltverhältnissen, und Macht reproduziert sich da, wo es gelingt, offen oder im Verborgenen unbehelligt und in Abkehr vom verfassungsmäßigen Gleichheitsgrundsatz (Gleichheit vor dem Gesetz), sich dieser Gewaltverhältnisse beständig zu entziehen.

Die Folge ist ein asymmetrisches Verhältnis zwischen dem Staat mit seinen institutionalisierten Instrumenten und der Vielfältigkeit und Manipulierbarkeit, der Aufwertung oder Abwertung einer jedweden Person in ihrem Status als Bürger den Institutionen, wie zum Beispiel der Justiz (dem Recht) gegenüber. Der ungleichrangigen Teilhabe und Teilnahmemöglichkeit am ökonomischen Prozeß folgen die Entwertung und der schleichende Ausschluß aus den Räumen demokratischer-politischer Willensbildung und die dauerhafte Abschiebung an die äußerste Peripherie, dort, wo "der soziale Fußboden, unter den niemand sinken darf" (Dahrendorf) aus lebensgefährlichem Treibsand besteht und der bezifferbare Marktwert des Subjekts gegen Null gedrückt wird.

NORD/LB Hannover, 2004rdsDabei gibt es durchaus auch Personal einer "Ringburg", die ohne einen "starken Staat" als der Verwalter eines allgemeinen Interessenausgleichs ihr Überleben sichern kann, den sensus cummunies allenfalls wie ein ausgestopftes Federvieh betrachtet und die bestehenden Nationalstaaten nur nach der Gebrauchsfähigkeit für ihrer eigenen Zwecke klassifiziert.

In seinem weltmaßstäblichen Vier-Ringe-Modell, die vier Ringe der Macht (1), setzt H.J. Krysmanski die Superreichen in den innersten Ring, die sich, im Gegensatz zu den Reichen, niemals um ihr Vermögen sorgen müssen, weil es "so riesig, so weit verzweigt, so gut platziert, auch so gut versteckt (ist), daß dieser Planet schon zerplatzen müßte, damit auch sie nur noch im Hemd dastünden."

NORD/LB Hannover, 2004rdsDiesem Ring der Geldmacht folgt der Ring der Verwertungsmacht, und als drittes und viertes der Ring der Verteilungsmacht und der Ring der Wissens- und Kommunikationsmacht. Letzterer, dieser Außenring einiger Millionen um den magischen Zirkel der oberen Zehntausend, der Superreichen und der Spitzenmanager in den großen Unternehmen, Versicherungen und Investmentfonds, denen die politische Klasse, im weitesten Sinne begriffen, nachgeordnet ist, bildet aus allen Bereichen der Gesellschaft (Wissenschaft, Medien, Kultur, Technik usw.) die Schicht der Technokraten und Dienstleister, denen "genaue Kenntnisse über die Funktionsweise des kapitalistischen Weltsystems und seinen Subsystemen" zugeordnet werden, die "mit kritischen und zum Teil subversiven Tendenzen vermischt (sind), so daß hier Widersprüche zur Handlungsreife gelangen können."


Anmerkungen:

(1) H.J. Krysmanski, Vier Ringe der Macht, in: Die Gegenwart, Online-Magazin, Ausgabe 36





Top