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Karl Marx, Friedrich Engels, Berlin; Foto:2005rdsIch - meiner Individualität nach - bin lahm, aber das Geld verschafft mir 24 Füße; ich bin also nicht lahm; ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein Besitzer. Das Geld ist das höchste Gut, also ist sein Besitzer gut, das Geld überhebt mich überdem der Mühe, unehrlich zu sein; ich werde als ehrlich präsumiert; ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein? Zudem kann er sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen hat, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche? Ich, der durch das Geld alles, wonach ein menschliches Herz sich sehnt, vermag, besitze ich nicht alle menschlichen Vermögen?

Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)

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"TALIBAN IN NADELSTREIFEN"


"Die Demokratie ist jedenfalls unvollendet, wenn sie ihre konsequente Fortsetzung in der ökonomischen Sphäre nicht erfährt und der Mensch in diesem politischen System einerseits Staatsbürger und andererseits Wirtschaftsuntertan ist."

Marcus Hawel, Gregor Katidis [1]


Unter welcher Autorität leben wir heute?

Leben wir unter dem Diktat der sich global etablierenden Finanzmarktspekulanten, die einen modernen, imperialen Eroberungskrieg führen und die Welt mit einem ungeahnten ökonomischen Desaster überziehen?

Sind sie die Akteure einer neuen Form von Herrschaft, die sich entstaatlicht und entterritorialisiert hat und die in ihren virtuellen Räumen praktisch unangreifbar geworden zu sein scheint?

Sind wir nun mehr nichts als die gelähmten Beobachter der unvermeidlichen Entropie der Demokratie und des Heranreifens einer einzigen supranationalen Ordnungsinstanz, die brutal antidemokratisch ist und ausschließlich auf der Akkumulation von Kapital beruht, das durch die ultrahohe, astronomische Verschuldung einer Vielzahl von Staaten und das jahrzehntelange fiskalischen Brigantentum ihrer verantwortlichen Politiker befeuert worden ist?

Am Endpunkt dieser Entwicklung steht dann die Etablierung einer eigentümlichen Kapitalräson, denen die Individuen nur noch als marginalisierte Mitglieder eines auf reine Verwaltungsformalien beschränkten Staatswesens gehorchen, eines Staatswesens, vergleichbar einem hohlen Formengehäuse, das zusehends untauglich wird um noch als Matrix für ein allen Menschen zufriedenstellendes gesellschaftliches Leben zu dienen.

Die gleichen politischen Kräfte, die zuließen und mithalfen die Spielräume für die "Taliban in Nadelstreifen" (Gesine Lötzsch, Die Linke [2]) zu eröffnen, feierten sich als die Retter einer jungfräulich auserkorenen "Systemrelevanz". Dabei haben parteipolitische Farben sich längst vermischt, und es ist (und war) nicht immer eiwandfrei und klar zu erkennen, wer für was eigentlich noch steht.

Glaubt man in der FDP die "Schutzmacht der Spekulanten" (Michael Sommer, DGB-Chef) mit derzeitigem Regierungsstatus zu erkennen, die skrupellos steuerliche Sonderbegünstigungen für ihre Klientelgruppen auf den Weg bringt [3], so war es die SPD unter Gerhard Schröder mit ihren GRÜNEN Steigbügelhaltern gewesen, die während ihrer Regierungsjahre bravourös diese vermeintlich ungewohnte Rolle meisterten [4].

Rudi-Dutschke-Straße, Berlin; Foto: 2008rdsJetzt haben wir die totale Ökonomisierung aller Lebensvorgänge in einer kraftlosen und zunehmend unpolitischen Instant-Community, die ernüchtert und unzufrieden an der Erhaltung ihres entzauberten und sterilen Selbstbildnisses werkelt und herummerkelt. Dementsprechend wird die hastende und reflexionsfrei gehaltene "To-Go"-Betriebsgesellschaft mit Informations-Mixturen in homöopathischen Dosen versorgt, und mit Ansprachen via TV aus der Höhe von Redaktions-Chefetagen von Welt-Großerklärern a' la Hans-Ulrich Jörges an die Massen auf dem Laufenden gehalten.

Die in der Zukunft immer lauernde Ungewißheit läßt sich damit kaum besänftigen. Die befriedete aber nicht gerade stolze Staatsbürgergesellschaft von einst mutiert zum Untertanenverband einiger machtvoller Großbanken, deren Vertreter einen ausgeprägten Hang zur Arroganz zeigen und die Welt als ihr persönliches Ausbeutungsobjekt nach Belieben betrachten. Wie in Geiselhaft genommen, agieren die gewählten Volksvertreter durchsichtig und kalkulierbar, Zocker dürfen sich in Sicherheit wiegen. Hustet die Wall Street, bekommen eine ganze Reihe von Staaten weltweit Schüttelfrost. Das böse Wort von der "Finanztransaktionssteuer"  wird als Langzeitberuhigungsdrops gegenüber dem staunenden und gebannten Publikum als Tätigkeitsnachweis so lange im Munde hin-und hergeschoben, bis sich seine erhoffte Wirksamkeit in Wohlgefallen aufgelöst hat.

Ein Lastenausgleich, ganz neuer Art und in ganz neuen, ungewohnten Dimensionen -und gerecht- ist angesagt. Sonst wird es mit dem Schuldenabbau nichts. Deutschland hat seit Jahrzehnten über seine Verhältnisse gelebt, stellte Kanzlerin Merkel kürzlich fest. Eine Frau, die das sagt, von westdeutscher Geburt aber mit ostdeutscher Biographie, und einst vor Jahrzehnten Kulturreferentin in der FDJ [5], weiß um die Ungleichverteilung der Kosten und Folgekosten der "Wiedervereinigung". Droht uns in der Finanzkrise eine ähnliche ungleiche Lastenverteilung? Wenn der Kanzlerin und ihrer strauchelnden Mannschaft nicht mit überzeugender Bravour das Krisenmanagement gelingt, mag sie wohl bald wieder Theaterkarten bestellen und verkaufen. Aber auch uns ist dann das Lachen auf der Bühne und im richtigen Leben vergangen.

Eine durchdringende, wirklich kritische Selbstbesinnung des Bürgers würde Wahlen nur noch als eine Beruhigungsveranstaltung, als ein reines Schaulaufen miteinander um Macht und Einfluß konkurrierender Parteien und Personen entlarven, die eher der Klassenkoalition mit einem elitär-entrückten Großbürgertum zuneigen, als sich in der sogenannten und viel beschworenen 'Mitte der Gesellschaft' zu verorten und sich mit ihr glaubwürdig zu solidarisieren. Um dem politischen Scheintheater entgegen zu wirken, und um mehr als ein nur gelegentlicher, sich alle vier Jahre wiederholender, plebejischer Störfaktor zu sein, sollte man statt des Wahlzettels eher mal die Zaunlatte zur Hand nehmen, und statt Kreuze machen, über Kreuze ziehen [6].

rds 19.05.2010


ANMERKUNGEN:

[1] Marcus Hawel, Gregor Katidis, in: Wirtschaftsuntertan und Staatsbürger, Zeitschrift für Kritische Theorie 28/29, 2009, S.193

[2] "Der globale Finanzmarkt ist doch in Wirklichkeit ein globaler Schwarzmarkt. Die Bundesregierung tut nichts, aber auch gar nichts, außer schönen Worten, um diesen globalen Schwarzmarkt zu bekämpfen. Die Spekulanten, meine Damen und Herren, sind Taliban in Nadelstreifen, und vor diesen Taliban müssen die Menschen in unserem Land geschützt werden."  Gesine Lötzsch, Plenarprotokoll vom 07.Mai 2010

[3] Reduzierung der Mehrwertsteuer im Hotelgewerbe

[4] Gerhard Schröder als der "Genosse der Bosse"

"Deutschland ist - als Erbe von Rot-Grün und Schwarz-Rot - das Land in Europa, das in diesem Jahrzehnt am stärksten zerrissen wurde zwischen Vermögenskonzentration auf der einen und Prekarisierung auf der anderen Seite."    

Joachim Bischoff, Bernhard Müller in: Sozialismus, Heft 2/2010, S.5

[5] "Ich selbst war während meines Studiums einmal Kulturreferentin der FDJ und habe mich um die Bestellung von Theaterkarten gekümmert." zitiert in: Gerd Langguth, Angela Merkel, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, S.79

[6] Achtung! Dies ist kein Aufruf zu einer strafbaren Handlung oder deren Billigung!

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Text/Photo rds


Wie war das neulich noch? In den Jahren 2005/2006, im "gefühlten" Gestern. Die Stichworte lauteten: Vogelgrippe und Tamiflu, die Krankheit und das Gegenmittel. Der Leser hat ein Déjà-vu-Erlebnis, recherchiert und forscht er in den Nachrichten und Presseberichten von damals nach, oder er kramt in seiner gedanklichen Erinnerungskiste. Von einem nachlässigen und reichlich spätem Impfmanagement in Deutschland war da die Rede, von fehlendem oder schwer zu beschaffenden Impfstoff, von tatsächlichen oder nur herbeigeredeten Hamsterkäufen, von der Tatsache, daß eine Reihe von Menschen in hervorragender Stellung für sich und ihre Familienangehörigen ohne Schwierigkeiten ausreichend versorgt waren. Eine spannende Geschichte, vor dem Hintergrund der sich gerade jetzt abspielenden "Volkskomödie" -oder ist es eher ein Drama(?)- betitelt mit: die Schweinegrippe.

Da soll, unter größtmöglicher Beteiligung, die gemeine Bevölkerung mit dem einem Impfstoff geimpft werden, aber die abgehobene Funktionselite in den Staatsämtern- und Apparaten, und die Bewahrer und Garanten der öffentlichen Sicherheit und Ordnung mit einem anderen, besonderen, weil nebenwirkungsärmeren und ungefährlicherem. Vorzeitige vertragliche Bindungen an einen bestimmten Hersteller, wie sie seitens der Regierung geltend gemacht werden, rechtfertigen nicht. Schlimm ist, was sich da als manifestierendes Charakteristikum offenbart: Eine "Bunkermentalität" und eine verwerfliche Werthierarchisierung zu eigenen Gunsten.

So wie vor der Bundestagswahl in einem Steuersenkungsmirakel die FDP ihren gut- und leichtgläubigen Wählern Filet versprochen hat und nun wohl Eintopftage zelebrieren muß, entblößt sich eine, sich gerade neu formierende, amtsführende deutsche Regierung bar jeder einfühlsamen kommunikativen Kompetenz durch dieses dünkelhafte Verhalten und leistet damit eher einer sozialpsychologischen Verweigerungsreaktion bei den Bürgern Vorschub.

Wer läßt sich denn jetzt noch mit einem Impfstoff zweiter Wahl immunisieren, Unbedenklichkeitserklärungen hin oder her? Mit anderen Worten: Ein Brauer, der sein eigenes Gebräu nicht säuft, ist höchst verdächtig. Vielleicht werden einige Millionen Euro Herstellungs-und Bereitstellungskosten dafür im nächsten Schwarzbuch der Steuerverschwendung an markanter Stelle vermerkt sein.

19.10.2009 rds


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Heißes Herz und klare Kante! Das riecht nach Arbeit und Schweiß! Ist aber besser als 'Hose voll'. Das stinkt auch!

Die Worte eines begnadeten Rhetorikers, austrauernden Witwers und wieder erweckten Wahlkämpfers. In Bayern. Eben der Müntefering.

Gerhard Schröders - bislang der Jüngste in der Riege der sogenannten Alt-Kanzler in ihrer gefühlten personalen Unangreifbarkeit - später erfolgter Zwischenruf: Ich mach das dann mal wieder, ..ha..,ha..,ha..!, blieb ungehört? Tatsächlich war er wohl gänzlich ausgeblieben, schließlich ist der Mann bestens versorgt. Dabei geht und ging es doch immerhin um die Kanzlerschaftskandidatur. Darf man da.., soll man da nicht an ihn denken dürfen/müssen?

Foto: 2008rdsIm Jahr der Volljährigkeit, in dem 18. Lebensjahr des 'wiedervereinigten' Deutschlands, erweist sich ein offensichtlich seit längerem morsches Haus, die SPD, als eine Knochenmühle und Fleischmaschine ihres (Führungs-)Personals, das sich wie eine verwaiste und entsolidarisierte Krabbelgruppe im Augiasstall des politischen Berlin ausnimmt. 

Das soziale Deutschland. SPD?

Und dazu der modrige Geruch vom Schwielower See? Solange aus den Kleidern der Vabanquespieler und Claqueure in der SPD dieser penetrante Schwielower-Seen-Geruch ausströmt, sollte keine ehrliche Haut sich von des Kaisers-neue-Kleider-Verkäufern der Sozialdemokraten kirre machen lassen. Da mag auch der Bundestagsabgeordnete Dieter Wiefelspütz lapidar von Wechselroutine reden und zu dem Urteil kommen: Es ist am Sonntag alles richtig gemacht worden [1]. Auch das Richtige wendet sich gelegentlich ins Falsche, Ungehörige.

Das soziale Deutschland trudelt derweil in die Waisenschaft [2].

Die SPD trudelt mit!

Der Spaltkeil: Sinnbild der SPD 2008? Foto: rds2008Denn wie soll nach Außen hin gelebte Solidarität bewiesen und um Glaubwürdigkeit bei den Wählern geworben werden können, wenn nach Innen die Partei eher einer Lazarettstation gleicht? Gilt Loyalität nur noch Systemen und nicht mehr Personen, und zeigt sich nicht eins ums andere mal mehr ein Mangel in der Bereitschaft zur Selbstunterordnung unter den ansonsten doch allseits beklatschten und als fortdauernd gültig erachteten und eingeforderten Umgangsformen unter unseren aufgeklärten politischen Repräsentanten?

Ein einjähriger, zäher Wahlkampf droht mit seinem ganzen Potential die Republik zu lähmen, taub zu machen. Und nach der Agenda 2010 haben wir womöglich auch noch Angela 2020.

Da Politik nichts anderes ist als ein Machtkampf von Interessen um die Beherrschung der staatlichen Institutionen, den politische Parteien mit- und gegeneinander führen, oftmals nicht mit fairen Mitteln, findet der Machtkampf um die personale Besetzung der führenden staatlichen Institutionen innerhalb der jeweiligen Parteien statt. Wie es dabei zugehen kann, nicht minder verletzend und unsauber, wurde gerade am Schwielower See in Brandenburg in einem packenden Politdrama dargestellt. Allzu menschlich war das. Menschlich nicht. 


ANMERKUNGEN:

[1] So von MdB Dieter Wiefelspütz (SPD) am 10.09.2008 in der ARD-Sendung -hart-aber-fair- mit Frank Plasberg geäußert. 

[2] Nicht die, aber ein sehr erheblicher Teil unserer "Elite" in Deutschland leidet ganz massiv unter einem Wurmbefall im Gehirn, der einen eklatanten Verlust in der Wahrnehmung der Realität bewirkt und die daher unter Quarantäne gestellt werden müßte. Niemand von dieser "Elite" wird in einem Langzeitselbstversuch mit 132€ im Monat auszukommen versuchen, was möglicherweise zu einem empirischen Beweis dieser aus gesammeltem und ausgedeutetem Zahlenmaterial erstellten Chemnitzer Studie hätte führen können. Das professurale, wirtschaftswissenschaftliche Leuchtfeuer -sinnigerweise aus dem ehemaligen Karl-Marx-Stadt- läßt daher im Zeitalter des Brachialkapitalismus mit staatlicher Rückversicherung für deren Hasardeure die Botschaft klar und hell erscheinen: Die Armut wächst, aber den Leuten geht es besser (Heinz Bude, Die Ausgeschlossenen, Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, 2008). Die Armut als gesellschaftliche Kategorie umschließt dabei viele praktizierbare Differenzierungsmöglichkeiten. Zum Beispiel diese, nur eine von vielen: Neben die Differenzierung zwischen würdigen (erwerbstätigen) und unwürdigen Armen tritt also möglicherweise künftig die Unterscheidung zwischen gebärwürdigen und nicht gebärwürdigen Müttern (Christine Wimbauer, Annette Henninger und Rosine Dombrowski, Wer hat, dem wird gegeben, WZB-Mitteilungen, Heft 120, Juni 2008, S.22).  Daher reichen auch 132€! Weltfremder kann man nicht mehr werden und entrückter nicht mehr sein.

Also aufgepaßt, Prekarier, Studenten mit auffällig linksdrehendem Spin und gebärunwürdige Mütter, es kann noch viel schlimmer kommen, und denkt an die warnenden Worte eines gewissen Herrn Schmitt, Carl: Die ökonomisch funktionierende Gesellschaft hat Mittel genug, den in der wirtschaftlichen Konkurrenz Unterlegenen und Erfolglosen oder gar einen >Störer< außerhalb ihres Kreislaufes zu stellen und ihn auf eine nichtgewaltsame >friedliche<. Art unschädlich zu machen, konkret gesprochen, ihn, wenn er sich nicht freiwillig fügt, verhungern zu lassen.

rds



"Der volle Erfolg des Überwachungsstaates würde in seiner Niederlage enden."

Kay Waechter


Noch vor einigen Jahren galt es als ein ausgemachter Scherz, als ein harmloser Ulk, ein Gag im Karneval, als Sylvesterspaß oder als eine Veräppelung in "Vorsicht Kamera": die Brille, mit der man (angeblich) anderen Menschen, bevorzugt die weiblichen Geschlechts, durch "die Wäsche hindurch" aufs nackte Fleisch schauen könnte. Für kurze Zeit war das vielleicht ein Renner im Scherzartikelladen, man wußte ja unzweideutig, was davon zu halten war.

Der Scherz von einst und die Gaudi bei angeheizten Stammtischrunden ist zur Realität von heute geronnen, zumindest schon einmal in Großbritannien, bekanntermaßen das Land mit dem dichtesten Netz von Überwachungskameras. Im Gegensatz zum heiß diskutierten "Bundestrojaner", trifft die Meldung zu, gibt es sie jetzt tatsächlich, die "Brille", die eine gut getarnte Überwachungskamera mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ist. Der von ihr ins Visier genommene Mensch wird "hüllenlos" vors Auge des Betrachters auf den Monitor projiziert.

Wie ernst ist es? Geistert da nun wieder ein qualitativ neues Überwachungsgespenst umher, so, wie sich der "Bundestrojaner" als ein solches zu erweisen scheint? [1] Wie ist der Widerspruch aufzulösen, daß - wie die Abwesenheit von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im diktatorischen Unrechtsstaat einleuchten - der Überwachungsstaat sehr wohl in Übereinstimmung mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stehen kann, und der seine Initiativen und Maßnahmen über die grundsätzliche Kriminalitätsprävention hinaus mit einer terroristischen inneren Bedrohung rechtfertigt und versichert, sich dabei immer im Rahmen der geltenden Rechtsordnung zu bewegen. [2] Und wo die gesetzlichen Grundlagen noch fehlen, schafft er sie sich selbst und kann dabei auf das starke Sicherheitsbedürfnis eines großen Teils der Bevölkerung spekulieren.

"...eine möglichst lückenlose Überwachung und allgegenwärtige Identifizierung." Berlin-Hauptbahnhof; Foto: 2006rdsDas Ziel, eine möglichst lückenlose Überwachung und allgegenwärtige Identifizierung der Bevölkerung, jedes einzelnen, situationsbedingt herzustellen, bewirkt langfristig einen Einschüchterungseffekt bis hin zur Ausbildung eines manifesten Angstkorsetts. Im Zwischenreich von tatsächlichen oder auch nur vage angenommenen Überwachungen und Kontrollen - wer vermag bei der Dynamik der technischen Entwicklung noch absolut trennscharf zwischen Fiktion, Einbildung und Wirklichkeit zu unterscheiden - strukturieren sich langsam und schleichend Verhaltensänderungen und Individualitätsanpassungen hin zu einer Norm, deren Beschreibung in dem Satz: Ruhe ist des Bürgers oberste Pflicht gipfelt. Gelebte Normen sind Merkmale des Regierens, und wie Michel Foucault beschrieb: "Regieren heißt: das Feld eventuellen Handelns der anderen zu strukturieren."

Das kann so weit gedeihen, auch bei formalem Weiterbestand grundgesetzlich garantierter Rechte, daß Proteste, Demonstrationen, Widerstände, ziviler Ungehorsam, gewaltfreie Bürgerrechtsbewegungen, Bürgerbegehren und andere nicht ungesetzliche Bewegungen in der Bevölkerung in einem System der Willfährigkeit erstarren. [3] In einem abzusehenden Zeitraum würde sich der eingangs zitierte und markante Satz Kay Waechters bewahrheiten: "Der volle Erfolg des Überwachungsstaates würde in seiner Niederlage enden." [4] Die Niederlage des "Überwachungsstaates" wäre ja noch zu verkraften. Aber nicht die Niederlage des demokratischen Rechtsstaates schlechthin.


ANMERKUNGEN:

[1]Burkhard Schröder, Verdeckter Zugriff auf Festplatten, in TELEPOLIS vom 06.02.2007

[2] "Wir wollen nicht den gläsernen Menschen, und Sie können sicher sein, dass wir uns immer im Rahmen der geltenden Rechtsordnung halten." Wolfgang Schäuble, Bundesminister des Innern, in einem Interview mit der taz vom 08.02.2007.

Die terroristische Bedrohung durch den militanten Islamismus steht da zur Zeit an erster Stelle. 

[3] "Eine Demokratie ohne Demokraten ist ebenso wenig lebensfähig wie ein Rechtsstaat dessen Untertanen nicht mehr bereit sind, die Chancen ihrer Freiheit sinnvoll zu nutzen." Josef Isensee, Das legalisierte Widerstandsrecht, Eine staatsrechtliche Analyse des Art. 20 Abs. 4 Grundgesetz, Verlag Gehlen Bad Homburg v.d.H., Berlin, Zürich 1969, S. 31/32.

[4] Kay Waechter, Die Menschenrechte und der Schutz der Inneren Sicherheit im 21. Jahrhundert; i.d. Dokumentation: Menschenrechte - Innere Sicherheit - Rechtsstaat, Konferenz des Deutschen Institus für Menschenrechte, Berlin, 27.Juni 2005, S. 19


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DISKURSSTARK, ABER WEHRLOS?


Beirut, Libanon - Foto:1972rdsDie diskurserprobten Denker und Schreiber in ihrem liberal-demokratischen Salonmilieu, mit ihren spitzen Federn in der Schwertscheide und dem moralisch feingeschliffenen westlichen Zivilisationsethos, stehen einem die eigenen Grundlagen erschütternden, tektonischen Riss hypnotisiert und fassungslos gegenüber. Die Guten, das waren doch immer wir! Ein religiös archaisch aufgewiegelter Straßenmob im gar nicht so fernen Arabien, in Beirut und Damaskus, in der gesamten muslimischen Welt, inszeniert, hintergründig organisiert, mit religiöser Inbrunst durchsetzt haßerfüllte Massendemonstrationen und Massenproteste gegen einen als zutiefst ausgehöhlt und dekadent und arogant empfundenen (europäischen) Westen.

Eine handvoll Karikaturisten lieferten dazu den passenden Anlaß. Zufällig veröffentlichten sie ihre "Arbeiten" in Dänemark. Daher brannten folgerichtig zuerst dänische Fahnen. Unsere viel beschworene Fähigkeit zur dialogischen Auseinandersetzung und zum gewaltfreien Diskurs macht uns aber nicht zu den Herren über den Anlaß, den Zeitpunkt und ganz besonders nicht über die Mittel, mit denen andere Kulturen und Völker ihre latent vorhandenen Gegenpositionen zu unseren eigenen Wertvorstellungen und Rechten ausfechten. Noch geben sie uns ein sicheres Gespür für das, was zwar in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft als selbstverständlich gilt -oder zu gelten hat- andererorts aber einen unverzeihlichen Tabubruch ausmacht.

Unsere Glücks-, Norm- und Wertvorstellungen sind radikal vernunftsgegründet und rational auf das Diesseits gerichtet und im Diesseits eingegrenzt. Der Himmel um uns herum ist nichts weiter als eine transzendentale Eiswüste; Religion allenfalls konsumierbar in einer sezierten light and easy Version. Freiheit wird zu einem ideologischen Pflegefall, wenn ihre Ausschöpfung und ihre Erhaltung sich ausschließlich nur noch im Konsum materialisierter Werte auslebt, und der überlebensnotwendige Bestandskern einst gemeinsam vertretener Wertvorstellungen und unverbrüchlicher Grundmaximen, die sich im Verlauf der deutschen und europäischen Geschichte formten, unter Druck geraten sich leicht zur Disposition stellen lassen. Das Bekenntnis zur Toleranz darf nicht zu einer selbst auferlegten Wehrlosigkeit führen. Schon gar nicht gegenüber despotischen Regimes mit ihren Clans, die unter Mißbrauch des Islam die religiös-fundamentalische, herrschaftliche Strukturierung ihrer Machtpolitik im eigenen Land und gegenüber dem Rest der Welt zementieren wollen [1].

Ist eine Kultur, eine Nation, eine Gesellschaft umso leichter zu schockieren und angreifbar, wenn das religiöse, christliche Fundament aufgeweicht, aber mit dem, in unserem, weitgehend akzeptierten Verständnis, doch viel wirkungsvolleren Bindungsstoff eines Positiven Rechts ausgestattet und vermeintlich widerstandsfähiger gemacht worden ist? Diesem Positiven Recht und seiner Wirksamkeit verdankt sich auch unser Grundgesetz und seiner Geltung und dem darin enthaltenen Artikel 5 zur Meinungs-, Informations-, Pressefreiheit; Kunst und Wissenschaft. Absatz 1: "Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung duch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt." In Absatz 3: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Absatz 2 benennt Einschränkungen, unter anderem Verletzungen "in dem Recht der persönlichen Ehre."

Das Grabmahl des Mahdi in Omdurman, Sudan - Foto: 1969rdsDer Islam, im allgemein undifferenzierten Verständnis, beinhaltet und vereint Glaubenslehre, Sittengesetz und Recht in sich. Er bestimmt das Leben seiner Gläubigen umfassend, so, wie es einem säkularisierten Europäer westlicher Prägung nicht mehr vorstellbar erscheint. Da bleibt kaum Raum für eine grundlegend weltliche Gesetzgebung und das, was wir unter den bürgerlichen Freiheiten verstehen. Und genau dieser "Nicht-Raum" ist das Spiel- und Aktionsfeld religiöser Fundamentalisten, zum Beispiel wahhabitischer Ausprägung. Die Wahhabiten vertreten innerhalb der islamischen Strömungen einen rigorosen Puritanismus, der alle Menschenverehrung radikal ablehnt und überhaupt alle Neuerungen, auch kultureller Art, bekämpft und die Wiederherstellung des reinen Urislam zum Ziel hat. Er anerkennt nur den Koran und die Sunna (die Gewohnheiten des Propheten) als Offenbarungsquellen und fordert eine wörtliche Auslegung des Koran. Ein Beispiel dafür ist Saudi-Arabien.

Die Unauftrennbarkeit des Religiösen mit dem Politischen, uns in dem langen Prozeß der Aufklärung mühsam gelungen, macht den, vordergründig durch die -allenfalls anrüchigen- Karikaturen aufgestachelten, in Szene gesetzten und multimedial weltweit transportierten Fanatismus so unberechenbar und gefährlich. Mit Beschämung ist die verschreckte und beflissene Demutshaltung vieler unserer Großintellektueller und Betroffenheitpolitiker wahrzunehmen, die sonst nie müde werden, Zivilcourage anzumahnen und zu predigen, solange die Adressierten ihrem eigenen Kulturkreis, ihrer eigenen Werte-, Norm- und Rechtsgemeinschaft angehören und durch die dadurch unterstellte Zivilisität berechenbar und eingehegt sind. Mit unberechenbaren islamischen Fanatikern legt man sich nicht an. Da verharrt man lieber im Planschbecken der eigenen wohltemperierten Beschaulichkeit.

rds

Anmerkungen:

[1] Drastisch formuliert Luciano Amaral, Wirtschaftswissenschaftler an der Neuen Universität von Lissabon: "Der Hass mancher Westler auf ihre eigene Kultur ist eins der faszinierenden Phänomene der Gegenwart. Wenn in einer Kultur nicht mal mehr die Überlebensinstinkte funktionieren, verdient sie es vielleicht auch nicht weiter zu existieren."


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m e n s c h e n f ü r c h t i g


"Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschritt von der Menschheit weg sein."

Bertold Brecht, Das Leben des Galilei


Hiroshima-Gedenkhain, Hannover, GedenktafelEin lutherischer Militärgeistlicher hielt noch ein Gebet, bevor die Atombomber Richtung Hiroshima abhoben (1). Für die Unversehrtheit der Besatzung und des unter Gottes Hut und Schutz sein. Unter ihnen war ein junger, aus Texas stammender, kriegsfreiwilliger Student einer Lehrerbildungsanstalt, der Pilot Major Claude Eatherly, mit dem der damals in Wien lebende Philosoph Günter Anders von 1959 bis 1961 einen eindrucksvollen Briefwechsel geführt hat (2).Folgt dem Gebet vor dem Atombombenabwurf am 6.August 1945 womöglich das dem 21. Jahrhundert zeitgemäße Gebet vor dem Biotechgau? Ein zutiefst pessimistischer Vorgriff auf eine sich doch frei entwickelnde Geschichte der Menschheitsgeschicke. Aber gerade diese bislang "freie" und offene Entwicklung steht zur möglichen Disposition. Unter welchen möglichen Umständen wäre ein Gebet vor einem solchen  größten anzunehmenden Unfall in Bereich der Bio-und Gentechnologie denkbar? Gar nicht. Denn Genetiker sprechen keine Gebete, an wen sollten sie sie auch richten, wenn nicht an sich selbst? Glaube, Religion, 'religari' - rückgebunden sein, die Bindung an Gott hat als Gestaltungsparameter der individuellen Lebensführung und Lebenswirklichkeit und im Kulturraum ganzer Gesellschaften, in denen der Klerus nicht mehr als die unzeitgemäße Verwalterfunktion eines verwaisten und unvermietbaren Glaubensgebäudes ausübt, keine Wirksamkeit mehr. Nicht Gott, die evolutionäre Natur reicht den Staffettenstab der Entwicklung weiter an das herrschaftlich gewordene Produkt ihres eigenen Produktionsprozesses. Sie hat den Menschen, nicht mehr "gleich nahe zu Gott", sondern den potentiell zum Gott sein bestimmten  in die Freiheit ihres Kalküls eingeschlossen, ein Kalkül, welches das Verschwinden des Menschen durch den Menschen in seinem in actu gesetztes, zum Gott sein Bestimmten, inbegriffen hält. Der aber will eine andere Fortsetzung der Evolutionsgeschichte schreiben , selbst Korrektur lesen , die Natur mag allenfalls Stichwortgeber sein. 

Hiroshima-Gedenkhain, HannoverSchopenhauers verachteter Menschentypus, die "Fabrikware der Natur", sind wir alle. Das heißt: Bislang waren wir es noch. Bis jetzt sind wir es noch. Als Hineingeworfener in die Welt, absichtslos ins Sein Tretender, der als Unterlegener ankommt und auf das Bestehende hin und das Weiterbestehen des Bestehenden sozialisiert wird, sind wir in unserer willkürlichen Freiheit mit einer bio-genetischen, psycho-sozialen und historischen-gesellschaftlichen Präponderanz belastet. Niemals ganz frei von der Angst, das ich bin, oft unfähig, Selbstdestruktionen zu erkennen und zu überwinden, Selbstblockaden aufzulösen und der Welt und dem eigenen Unvermögen paukenschlagartig ein: Mich selbst zulassen, entgegenzuhalten.  Das so in der Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt indifferente Individuum steht einer technisch-wissenschaftlichen Entwicklung gegenüber, die quasi Naturzwangscharakter zu haben scheint, zur Entpolitisierung und Entdemokratisierung neigt. Der Drift zeichnet sich ab, ist seit dem 'Marsch in den Atomstaat' länger erkennbar und vorgegeben, schnurstracks in eine expertengeleitete technische Sachzwanggesellschaft, in der eine zu einem Verbundsystem miteinander verschränkte Wissenschaft, Technik und Ökonomie die unabwählbare Heilspriesterschaft gemeinsam zur gegenseitigen Nutzenmaximierung, nur von einem zaghaften , untergründig und vereinzelt geleisteten Widerspruch begleitet, aus zu üben vermag(3). Eingeleitet wurde und fortgesetzt wird sie durch einen Megaprozeß der wissenschaftlichen Erkenntnis, erwähnt sei an dieser Stelle die Zellbiologie, Molekulargenetik und die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Ferner sind die Nanotechnik, Robotik, die Neurowissenschaften, Xenotransplantationen und die Informations- und Computertechnologien, sowie die Bioinformatik die zukünftigen und zukunftsträchtigen Wissenschaften des 21. Jahrhunderts. In der Forschungsgemeinschaft aber, innerhalb einer (gar nicht mehr) 'multioptionalen Spaßgesellschaft', in der das einzelne Individuum Objekt eines forcierten Entmündigungsprozesses durch sich geschickt einbringende und andienende Experten ist, bildet die systemimmanente Verlockung des globalen Marktes die entscheidende Kraft. Der Mensch droht jenseits von medizinischen Heilungsversprechungen und Heilungsmöglichkeiten in das Fadenkreuz eines biotechnischen Wettrüstens zu geraten, angestoßen und ausgehend von den USA, wo bereits Ideen einer genetisch gesteuerten Gesellschaftsplanung Blüten getrieben haben. Hat Auschwitz nicht den Glauben in die zeitüberdauernde Verläßlichkeit eines ausübenden Humanismus des Menschen an den Menschen als Absurdität unauslöschbar in die Geschichtsanalen eintätowiert?

Menschen und Gruppen haben immer andere Menschen und Gruppen dominiert. Legitimation war das Geburtsrecht, das "blaue Blut" des Adels, das Königstum von Gottes Gnaden, der ökonomische oder der bürgerliche Bildungsstatus, die Festschreibung mythischer Überlieferungen oder die überlegene Rasse. In vielen Fällen wirkte aber auch nur die brachiale Gewalt und die Kraft des Stärkeren, die technische Vorherrschaft und eine innovative Erfindungsgabe. Wurde die Macht entzaubert, fand sich schnell eine andere Legitimation. Die Gene, das Genom, sind die Legitimationsmacht des 21. Jahrhunderts. In ihnen scheinen sich alle vorausgegangenen historischen Macht- und Herrschaftskonstruktionen aufzurechnen und zu einem einzigen, auf Endgültigkeit hin bedachtes Kriterium zu bündeln, dazu noch durch den wissenschaftlichen Ritterschlag der science community geadelt und in den Rang eines Dogmas erhoben(4). Kommen wir daher womöglich unversehens vom Arierpaß zur genetischen Unbedenklichkeitsbescheinigung? Bis in den alltagssprachlichen Umgang hinein haben sich schon Strukturen festgefressen, innerhalb derer sich später rechtlich sanktionierte Handlungsmuster vollziehen und variieren lassen. Aber selbst Craig Venter mußte einräumen, nachdem von den geschätzten mehr als 100.000 menschlichen Genen sich nur klägliche 30.000 als wahrscheinlich erweisen:"Es gibt einfach nicht genug Gene, um die These von der biologischen Bestimmung des Menschen aufrecht zu erhalten. Die Umwelt spielt eine kritische Rolle."(5)

Diese Aussage oder ähnliche Festellungen geben keinen Anlaß zur Entwarnung, eher im Gegenteil ist bei der öffentlichen Debatte, die zur Zeit mehr schleppend dahinschleicht, und den Schlußfolgerungen einer als ausgegeben' wissenschaftlich bewiesenen Tatsache' sensible Aufmerksamkeit und Widerspruchsbereitschaft gefragt und gefordert mehr denn je. Das Potential der ökonomisch ausgerichteten erwähnten Forschungsgebiete, allein der Atom- und Gentechnologie, sind so gewaltig und so gründsätzlich zerstörerisch in ihrer destruktiven Variante, dass die Begriffe 'Gottesfurcht', 'Evolution' und 'Naturgewalt' in der Parabel von der 'Menschenfurcht' aufgelöst werden (6). Das Empfinden, "menschenfürchtig" zu sein, ist in seinem pathologischen Ansatz verwischt durch die drohende tabulose Bereitschaft einer Wissenschaftsgemeinschaft, sich selbst keine unüberschreitbaren Grenzen setzen und demokratisch legitimierte Gesetzesbeschränkungen nicht anerkennen, sondern verwässern, negieren und überwinden zu wollen. Es gilt das globalisierte "Anythings goes."(7) Berechtigt ist die Furcht des Individuums , pures Objekt der Selektion durch technisch-wissenschaftliche Zauberlehrlinge zu werden, deren Handlungsmaximen sich aus einem hedonistischen Allmachtsimperativ herleiten. Das Organ des Zeugens ist auch das Organ des Pissens. 

Menschenfürchtig sein deutet sich ferner, da viele Gott so sehr verloren oder aufgegeben haben, als die ungetröstete Angst vor der Entzauberung des Subjektseins, das Hinfälligwerden eines permanenten sich-wieder-selbst-ermöglichen. Der Begriff Mensch erfährt eine technologisch ausgerichtete Neudefinierung, deren Prämissen außerhalb philosophischer, historischer, sozialwissenschaftlicher, ja sogar biologischer und medizinischer Denktraditionen liegen. Der Initiator selbst, des sich durch ihn in Auflösung befindlichen alten Begriffs, sieht sich einer Vervielfältigung der Realität gegenüber, die die bislang gültigen Prioritäten seiner physischen und mentalen Selbstmodellierung glattweg hinfällig werden lassen. Als zum 'Gott sein Bestimmter' ist die Flucht aus dem Menschsein die Flucht aus dem Inferioren, aus dem am dialektischen Verhältnis von Macht und Ohnmacht gescheiterten Mensch sein .Die neuen Realitäten definieren sich im breiten Spektrum von der 'Genomökonomie' bis zu den Computer- und Informationstechnologien. Mit der Leichtigkeit einer Paternosterfahrt will der User und Informationsträger durch die in ihnen liegenden variablen Handlungsspielräume gleiten, enthoben jeglicher Determination, Kausalität und Notwendigkeit? Enthoben auch jeglichen Gewissens? Soll für das gentechnologische Zeitalter auch 'Off limits für das Gewissen' gelten(8)?  Diese Fragen stellen sich uns allen. 

rds

Anmerkungen

(1) 'Gebet' vor dem Atombombenabwurf: "Allmächtiger Vater, der Du die Gebete jener erhörst, die Dich lieben, wir bitten Dich, denen beizustehen, die sich in die Höhen Deines Himmels wagen und den Kampf bis zu unseren Feinden vortragen. Behüte und schütze sie, wir bitten Dich, wenn sie ihre befohlenen Einsätze fliegen. Mögen sie, so wie wir, von Deiner Kraft und von Deiner Macht wissen, und mögen sie mit Deiner Hilfe diesen Krieg zu einem schnellen Ende bringen. Wir bitten Dich, daß das Ende dieses Krieges nun bald kommt und das wir wieder einmal Frieden auf Erden haben.

Mögen die Männer, die in dieser Nacht den Flug unternehmen, sicher in Deiner Hut sein, und mögen sie unversehrt zu uns zurückkehren. Wir werden im Vertrauen auf Dich weiter unseren Weg gehen; denn wir wissen, daß wir jetzt und für alle Ewigkeit unter Deinem Schutz stehen. Amen." in: ...auf dem Weg zum Frieden. Wenn Christen den Kriegsdienst verweigern, Materialheft, 2. aktualisierte Auflage Bremen/Darmstadt 1994, Hrsg. von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer (EAK), S. 36


(2) Off limits für das Gewissen , Der Briefwechsel Claude Eatherly - Günter Anders, Hrsg. von Robert Junk, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg 1961


"(...) daß die geistige Rückwirkung der Atombombe ihre Besitzer im wörtlichsten Sinne des Wortes verrückt gemacht hat, eine Verrücktheit, die um so gefährlicher ist, als ihre Vertreter vernünftig zu sprechen scheinen , sich als normale, gesittete, verantwortungsvolle Persönlichkeiten geben." S. 9/10

Dem Eindruck einer Analogie kann man sich schwer entziehen, hört und liest man einige der Verlautbarungen und Aussagen von Protagonisten und Vertretern der Gen-und Biotechindustrie heute. Manches mutet nur deshalb nicht verrückt an, weil es technisch durchführbar ist.

(3)Vgl. Dietmar Mieth, Ethische Probleme der Humangenetik: eine Überprüfung üblicher Argumentationsformen. "Der Streit bleibe dabei unentschieden, ob die Menschen sich nicht genau das Verbundsystem von Wissenschaft, Technik und Ökonomie bestellt haben, dessen Angebot jetzt ihre Nachfrage so fest im Griff hat (...)"

"(...) in der Biotechnologie lastet bei aller formellen Freiheit doch ein Druck politischer Technik- und Wirtschaftsförderung, (...) die demokratische Partizipation zugunsten von expertokratischer Herrschaft verschiebt sowie Behinderungen und 'Bedenkenträgertum' zu diskriminieren versucht." in: Biologie und Ethik , Hrsg. von Eve-Marie Engels, Reclam, Stuttgart 1999, S. 227,235

(4) "Denn wirkliche Macht haben nicht die Gene, sondern die Menschen, die für Genforschung als virtuelle Quelle jeglicher Heilung werben, und sie dann nach den faktischen Möglichkeiten ihres Könnens nutzen und anwenden: mit Macht zu Kontrolle, Macht zur Selektion, Macht zu Manipulation, Macht auf Weltmärkten, Macht zur Umgestaltung und Aneignung all dessen, was lebt auf unserem Planeten." in: Ursel Fuchs, Die Genomfalle ,Die Versprechungen der Gentechnik, ihre Nebenwirkungen und Folgen, Patmos Verlag, Düsseldorf 2000, S. 22

(5) www.lebenswissenschaften.de, Bionews

(6) "Eingriffe und Wirkungen von Atom- und Gentechnik breiten sich grenzenlos aus, in Zeit und Raum, unwiderruflich, nicht rückholbar. Mit diesen beiden Technologien ist die Menschheit in der Lage, sich und das Leben auf der Erde zu zerstören. Diese Perspektive hatte noch keine Generation vor uns." in: Fuchs, 2000, S. 214

(7) "Es ist also klar, daß der Gedanke einer festgelegten Methode oder einer feststehenden Theorie der Vernünftigkeit auf einer allzu naiven Anschauung vom Menschen und seinen sozialen Verhältnissen beruht. Wer sich dem reichen, von der Geschichte gelieferten Material zuwendet und es nicht darauf abgesehen hat, es zu verdünnen, um seine niedrigen Instinkte zu befriedigen , nämlich die Sucht  nach geistiger Sicherheit in Form von Klarheit, Präzision, "Objektivität", "Wahrheit", der wird einsehen, daß es nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der menschlichen Entwicklung vertreten läßt. Es ist der Grundsatz: Anything goes. " in: Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1986, S. 31/32 

Dieses vielzitierte "Anythings goes" hat zahlreiche Mißdeutungen erfahren und nötigte Feyerabend in Laufe der Zeit bei so mancher Gelegenheit Erklärungen und Klarstellungen ab. Darauf soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Hier ist damit gemeint, daß das, was (technisch) möglich ist, sich auch (technisch) verwirklichen wird. Und zwar unter allen Umständen.

(8) Siehe Anmerkung (2)

Photos(4) Hannover, Hiroshima-Gedenkhain, ©2004rds


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 E I N E  HANDYKOMMUNIZIERENDE  S Y S T E M E I N H E I T

Die Frage, was wirklich ist, ist zu bedeutsam, um sie den Wissenschaftlern zu überlassen.

Paul Feyerabend


Was tun, wenn die alltägliche Sinnproduktion aussetzt? Betäubungshandlungen, vom unkontrollierten Medienkonsum bis zum befriedigungslos bleibenden Kaufrausch, die Anschauung eines noch gemilderten horror vacui nicht mehr vermeiden helfen. Normalsein unterscheidet sich vom Wahnsinn nur in seiner jeweils gesellschaftshistorischen Definition. Eine handykommunizierende menschliche Systemeinheit, hinter dem Scheitelpunkt des Jahrtausendwechsels, generiert sich vom selbstgewissen Subjekt zum Objekt einer bislang noch bewusstlosen Apparatewelt, die beginnt, das Artefaktsein eines allgemeinen Schöpfergenius umzukehren, um selbst Schöpfungen aus dem verbleibenden Surrogat menschlicher Selbstdefinitionen auszuformen und im Kaufmannsladen der Geschichte als den Neuen Menschen vorerst rabattlos feilzubieten. Steht dies geringer da als am Anfang der Welt der große, kosmisch-demiurgische Orgasmus, die Urejakulation eines vielleicht nie mehr versiegenden Samenflusses, als Materie benannt, und dem alles Werden, Sein und Seinkönnen sich immer neu verdankt? Aus diesem Stoff firmte sich Bewusstsein und durch Bewusstsein aus ihm die Welt ein zweitesmal sich heraus, weder klar, noch opak, entgrenzt und teleologisch unausgerichtet. Was ist der Sinn? 

Das orgiastisch-lustvolle Schöpfertum ist freigesetzt im Menschen, Original geworden, nicht mehr nur Matrixsignatur einer herrschaftsvollen Natur. Was geschieht, geschieht nicht weil sie es zulässt, das Gute oder das Böse, sondern der sich selbst in Freiheit setzende, verantwortliche Mensch bleibt Letztadressat seiner verlorenen Selbstbegrenzung, die in Selbstbeschädigung zu münden droht. Das modellierte Artefakt wird sich verselbständigen, der Schöpfer Mensch flüchtig werden, sich entzaubern, spalten und zersplittern, Innen und Aussen auflösen wie in der Schizophrenie des Subjekts, die Restbestand blieb einer phylogenetischen Schizophrenie der Spezies in ihrem historisch-anthropologischen Weltdurchlauf. Der jetzt als pathologisch definierte angehäufte Wahn-Geist war die Urnatur eines allem ausgelieferten homo sapiens, und gerade nicht nur dem Metaphysischen, Transzendentalen im Menschen bleibt die Frage vorbehalten: Wie konnte Bewusstsein von einem Ich und von einem Aussen entstehen und sich zu einem Genius solch ungeheurer Potenzialität auswachsen? 

Passt es da, dass sich der Mensch zum System erklärt, erklären lässt? Kommunikationssystem, Informationssystem, Immunsystem -einer Klassifizierung, der Barbara Duden zurecht vehement widersprach- System schlechthin, um mit der übersteigerten rational-technischen Effizienz seiner Produkte kompatibel zu werden? (1) Im Massenabverkauf technisierter Individualität mutiert der Einzelne vom Beherrscher, zum Be-Diener, zum gesteuerten Miniaturapparat innerhalb der globalen Apparatur selbst. Der Mensch bleibt nicht mehr nur Nutzer: Er ist seine technische Apparatur.(2)   Auf der Grundlage und im Verbund mit der Wissenschaft, hatte die technische Produktion im Verlauf eines lang anhaltenden, sich in den letzten drei zurückliegenden Jahrhunderten überprogressiv gestalteten Prozesses schon früh begonnen, ihre Signatur unauslöschlich in das Selbstverständnis der Menschen und ihrer Gesellschaften einzuätzen. Heute ist es daher nur ein kleiner Schritt zu der aufzwingenden Radikalität einer optimierenden Gen-und Biotechnologie, die in ihrer Unumkehrbarkeit gewalttätig ist.(3) Gott, nur noch ein bloßes Wort, eine Mißbrauchsvokabel, wie die, aus der christlichen Offenbarung abgeleitete Ethik, eine leere Hülse, er, als der "höchste Werktätige", ist dieser dynamischen, zunächst in der Kultur Europas aufbrandenden technisch-wissenschaftlichen Rationalität hoffnungslos unterlegen, ein nicht mehr nachgefragtes Relikt aus der Asservatenkammer menschlicher Heilsvorstellungen.(4) Die Wissenschaft, darin herausgehoben einige besondere Fachdisziplinen ob ihres zukunftsträchtigen, immer klarer rein ökonomisch ausgerichteten Potentials und ihres öffentlichkeitswirksamen Habitus, wird selbst zur Heilslehre und zum Statthalter einer ehedem religiösen Gewißheit. Das vormalige Instrument der Befreiung aus einer in Jahrhunderten versteinerten kirchlich-religiösen Bevormundungsdogmatik ist zum Instrumentarium der viel gnadenloseren, weil naturverändernden, autonomen und mit einem Universalgültigkeitsanspruch ausgestatteten Wissenschaftsmacht gewandelt, die nicht nur befreit, sondern sich auf neue, stets selbstaktualisierende Art ihre Knechte schafft.  

Die Subjekte sind im Spannungsfeld einer misslungenen Säkularisierung, was Glaubensverluste und Sinnlücken bedeuten, die die Wissenschaft nicht aufzufüllen vermochte, einer permanenten, kräfteverzehrenden Sinnproduktion unterworfen. Daher die schnelle und oft leichtfertige Neigung, sich auf jedweder Art von Sinnangeboten einer erdrückenden Kulturindustrie unkritisch einzulassen; vom New Age bis zum entfesselten Konsumismus. Die Frage nach Sinn ist eine junge Frage. Sie hat sich vergangenen, noch in festen, überlieferten Traditionen eingebundenen Generationen nicht so gestellt, ist ausgesprungene Knospe einer sich im Zivilisationsprozess herausbildenden, konstituierenden Kultur. Einer Kultur, die heute dem Selbstlauf der Technik immer mehr zuarbeitet, die auf der initiierten Ideologie von Profiteuren und Trittbrettfahrern einer verdeckten gesellschaftlichen Machtstruktur beruht. 

Wissenschaften sind menschengeschaffene, soziale Gebilde.(5) Wissenschaft ist gesellschaftliches Handeln. Solches erst transformiert die Technik zu Natur, zum adaptierten Lebensraum für den Neuen Menschen, der keine Blaupause des alten, vorherigen ist. Sein Schicksal ist Artefakt- und Mehrwertsein, die Übernatur der eigenen schöpferischen Genialität und ihrer globalen kapitalistischen Verwertungsideolgie. Seine Initialen sind: ATCG.

Der ausserhalb dieser ökonomisch-wissenschaftlich verquarkten Verwertbarkeitsideologie angenommene fragile Selbstzweck und Wert des Menschen ist einer atemberaubenden Inflation unterworfen. Mögen Hitler und Auschwitz im 20. Jahrhundert für das singulare Ereignis des faktisch Unbeschreibbaren, Undenkbaren, Unfassbaren gelten; aber Hitler nur als ein Vorläufer am Horizont stehender, noch ungeahnter, ungeheuerlicherer Möglichkeiten?(6) Ist der Termin einer weiteren Verhandlung über das Menschheitsschicksal nicht schon bereits angesetzt? Chargaff hat auf die Gefährlichkeit und Unumkehrbarkeit von Manipulationen an den zwei Kernen, dem Atomkern und dem Zellkern, hingewiesen.(7) Jedoch im Bereich der Naturwissenschaften mag es den einen oder anderen Wissenschaftler selten oder auch nie darum gegangen sein, den Menschen in seinem Werden zu verstehen, als unfertig, "nicht dicht", wie Ernst Bloch im seinem Prinzip Hoffnung formuliert, eher, ihn in einer entwicklungsüberspringenden Optimierung überwinden zu müssen.(8) Eine Einstellung, die zwischen Erich Fromm's Polen der Biophilie und Nekrophilie nicht klar verortet werden kann, weil sie weder dem in seinem Sinne lebensbejahenden, Lebendigen, noch dem Verwesenden, toten entspricht. Welcher Sinn gilt dann?

Nicht Sinn; die neben Sex mit am meisten höchstgehandelte und meistverkaufte Ware: Ideologie.(9) Wissenschaft betreibt und verkauft ihre eigene Ideologie. Das Neue, Fortschrittlichere, Bessere, Bessere des vordem schon einstmals verbesserten und zeitgemässen Modernen und Guten, meint die willentliche Beschädigung des Ursprünglichen, das eben immer nur bloße Natur und deswegen für sich nie schutzwürdig, weil nicht patentfähig, gewesen ist. Wenn nun dereinst bewusstseinsfähige, bewegliche, hyperintelligente Roboter -ein schon durch und durch antiquierter Begriff für Geschöpfe solch entfesselter Potenz, weit jenseits des gegenwärtigen mobilen Modells P3 mit seinen Neandertalerqualitäten, die aber Geschöpfe innerhalb einer linearen Zeitfolge sind, Geschöpfte aus dem Fundus selbst zeitverorteten Wissens und seiner Akkumulation, umgesetzt in technische Produktion- weltweit Regierungs-, Wirtschaft- und Verwaltungsmacht ausübten, würden sie aus lauter Dankbarkeit gegenüber ihren Konstrukteuren, quasi quid pro quo, den derzeitigen Menschentypus schockgefrieren, respektive unter Artenschutz stellen, in artgerechten Reservaten und Biotopen Hege und Zucht übernehmen? Ein fröhlicher Menschenpark? Das würde uns als einzelner Konsument, Käufer, Verbraucher, vielfältig Umworbener, Verführter, unserem unausgereiften Menschsein Entfremdeter und Selbstverdinglichter der zukünftigen Qual, aus den Optimierungskatalogen frei wettbewerbender Biotechlabore auswählen und uns nach Massgabe des 'wesenden' Zeitgeistes als Ware gestalten zu müssen, entheben. Die Eintrittskarten, die schon im Druck laufen, müssen von uns nicht eingelöst werden. Die im Weltmarkt durchgesetzten Genpatente begründen ethisch kein Besitzrecht an das einzelne, biogenetisch aufgemotzte Individuum, etwa so, wie Sklaven seit dem heren Altertum als uneingeschränktes Besitztum ihrer Herren galten. Oder etwa doch? Was entscheidet ein zukünftiger Gesetzgeber, der womöglich unter der Fuchtel und dem Diktat der Ökonomie steht? Und was duldet, erträgt, befürwortet eine zukünftige Gesellschaft?

Dagegendenken, entgegenhandeln und wo immer möglich: Einmischen ... war und ist und bleibt eine zeitlos individuell und kollektiv gültige Devise. Der Anrechtsschein zur Zulassung zum selbständigen Denken und Handeln wird von keiner Regierungsstelle und keinem Wirtschaftsverband ausgegeben, geschweige denn von den Instituten und Institutionen der Wissenschaft.

rds                                            Photos(6) Hannover/Messe/Expo/ ©2003rds


Anmerkungen

(1) "Ja, Frau Duden, auch Sie sind ein Immunsystem!" in: Barbara Duden , Postmoderne Entkörperung: Das 'System' unter der Haut. Anmerkungen zum körpergeschichtlichen Bruch der 1990er Jahre; Österreichische Zeitschrift für Geisteswissenschaften 8, 2 (1997) S. 260-273, (S.260)

"Menschen sind informationsverarbeitende Systeme. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts haben wir gelernt, uns selbst als informationsverarbeitende Systeme zu betrachten: Unsere Sinnesorgane sind Transduktoren, die Außenweltereignisse in Systemereignisse umwandeln." in: Thomas Metzinger, Anthropologie und Kognitionswissenschaft, www.uni-mainz.de/~metzinge/Texte/AntKog.htm

"Die Reduktion der Person auf ein Immunsystem entspricht verführerisch der Reduktion der Schöpfung auf ein Weltsystem, auf die Gaia Lovelocks." in: Ivan Illich, Selbstbegrenzung, Eine politische Kritik der Technik, Verlag C.H. Beck, München 1998, S. 173

(2) Immer und wieder uneingeschränkt lesenswert: Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1 und 2, Verlag C.H. Beck, München 1980. Besonders sei auf die Kapitel Die prometheische Scham und Die Welt als Phantom und Matrize in Band 1 hingewiesen.

(3) hierzu u.a.: Claus Koch, Biokapital, Neue Eugenik und politische Ökonomie des Körpers, in: Merkur, Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 3, März 1998, 52. Jahrgang.

Arnold Künzli, Menschenmarkt, Die Humangenetik zwischen Utopie, Kommerz und Wissenschaft, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbeck bei Hamburg 2001

(4) "Gott ist ein bloßes Wort, und nur der Sprachgebrauch kann entscheiden, auf welchen Begriff es eigentlich anwendbar sei." in: F.W.J. Schelling, Urfassung der Philosophie der Offenbarung, Hg. Walter E. Ehrhardt, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1992, Teilband 1, S. 88

(5) Norbert Elias, Wissenschaft oder Wissenschaften?, Beitrag zu einer Diskussion mit wirklichkeitsblinden Philosophen, in: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 14, Heft 4, August 1985, S. 268-281

(6) Carl Amery, Hitler als Vorläufer, Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts?, Luchterhand Verlag, München 1998

(7) "Zwei verhängnisvolle und in ihrer endgültigen Wirkung noch nicht abzuschätzende wissenschaftliche Entdeckungen haben mein Leben gezeichnet: 1) die Spaltung des Atoms, 2) die Aufklärung der Chemie der Vererbung und deren darauf folgende Manipulation. In beiden Fällen handelt es sich um die Mißhandlung eines Kerns: des Atomkerns, des Zellkerns. In beiden Fällen habe ich das Gefühl, daß die Wissenschaft eine Schranke überschritten hat, die sie hätte scheuen sollen." in: Erwin Chargaff, Das Feuer des Heraklit, -Skizzen aus einem Leben vor der Natur, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1981, S. 246-247

(8) "Die Materie selber ist unabgeschlossen, also ist sie Materie nach vorwärts, ist offen, hat eine unabsehbare Karriere vor sich, in die wir Menschen mit eingeschlossen sind, sie ist die Substanz der Welt. Die Welt ist ein Experiment, das diese Materie durch uns mit sich selbst anstellt." in: Ernst Bloch, Utopische Funktion im Materialismus (Vortrag), Tendenz - Latenz - Utopie, Ergänzungsband zur Suhrkamp Gesamtausgabe, Frankfurt/M. 1978; zitiert nach: Detlef Horster , Bloch zur Einführung, 7. Aufl., Junius Verlag, Hamburg 1991, S. 81

"Der Mensch ist kein Sein, sondern ein Werden mit unbestimmter Zielrichtung. Wer auf einer bestimmten Stufe der geschichtlichen Entwicklung 'den' Menschen auf ein Leitbild hin normieren und genetisch auf dieses fixieren will, stellt die menschliche Entwicklung still und zwingt künftige Generationen in ein von den Biologen und den bestimmenden Interessen der Zeit bereitetes Prokustesbett." in: Arnold Künzli 2001, S.47

(9) Jürgen Habermas, Technik und Wissenschaft als 'Ideologie', Suhrkamp Verlag, Frankfurt a./M. 1969

Eingangszitat von Paul Feyerabend in: Widerstreit und Harmonie, Trentiner Vorlesungen, Passagen Verlag 1998

"Die heutigen Wissenschaften sind Wirtschaftsunternehmen, die nach ökonomischen Prinzipien geführt werden ..." (S. 101-102) aber: "Es braucht einen Wissenschaftler um das wieder sauber zu kriegen, was ein Wissenschaftler eingesaut hat!" (S.127)



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